Berlin-Charlottenburg : Zum Tee ins Bootshaus am Lietzensee

Das Café am Lietzensee wird neu gebaut – nach historischen Plänen Die neuen Betreiber wollen es künftig auch im Winter öffnen

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Was für eine nette Idylle, selbst in diesen kalten Wintertagen. Die Schwanenfamilie gleitet über den Lietzensee, am Horizont leuchtet der Funkturm, und bald wird auch im verlassenen „Café am Lietzensee“ wieder heißer Tee ausgeschenkt – zumindest für die Bauarbeiter. Denn die alte Bretterbude wird bis Jahresende abgerissen. 400 000 Euro investieren die neuen Pächter vom nahe gelegenen Restaurant „Stella Alpina“, um ein neues Bootshaus am Ufer zu errichten. „Spätestens im Juli wollen wir aufmachen“, sagt Biagio Vinci, 47, einer der drei Chefs.

Eine merkwürdige Geschichte geht damit zu Ende. Es ist eine leidenschaftliche Kiezposse aus Charlottenburg, die es bis vor das Kammergericht geschafft hat. „Dass mich ein Kiosk das ganze Jahr 2007 begleiten wird und so viele Emotionen schürt, hätte ich nie geglaubt“, sagte Klaus-Dieter Gröhler (CDU), Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf. Jetzt sind die Verträge unterschrieben; der Prozess wegen angeblicher Intransparenz bei der Vergabe ist vorbei. Unterlegene Interessenten hatten im Frühjahr geklagt. Der Blick geht nach vorn.

Das Häuschen am Ufer ist ein beliebter Treffpunkt, vor allem im Sommer. Gut, die Toiletten waren ein Desaster, die Pächter oft muffelig, doch das machten die schöne Kulisse und der Charme des Kiezes wett. In Zukunft soll das Café am Lietzensee ganzjährig betrieben werden, so wie es früher war. Das jetzige Gebäude ist nämlich nur ein Provisorium, das einst erbaut wurde, weil das alte Bootshaus 1973 einem Brandanschlag zum Opfer fiel. Erbaut wurde das alte Häuschen 1924 nach den Plänen des Berliner Gartenbaudirektors Erwin Barth. Wie Irene Fritsch in ihrem Buch „Leben am Lietzensee“ schreibt, pflegten die Betreiber früher im Winter ein abgezäuntes Stück des zugefrorenen Sees, fegten das Eis glatt, legten Walzer-Melodien auf und verkauften heiße Getränke. So lebhaft soll es wieder zugehen im Winter.

Den Plänen für das neue Häuschen fehlt noch die letzte endgültige Zustimmung, weshalb die Chefs vom Stella Alpina den Entwurf nicht öffentlich zeigen wollen. Ihr Holzhaus wird aber doppelt so groß wie das Vorbild von 1924; an kühlen Tagen sollen sich die Leute reinsetzen dürfen, auf der neuen Terrasse werden 140 Leute Platz finden. Ein Bootssteg wird auch gebaut, nur Boote wird es nicht geben. Das habe schon früher nur Ärger gegeben, schreibt Irene Fritsch, „weil viele Leute einfach irgendwo am Ufer ausstiegen und die Boote nicht zurückbrachten“.

Der Kiez am Lietzensee hat sich zu einer gefragten Gegend in Westberlin entwickelt. Im ehemaligen Reichskriegsgericht und späteren Kammergericht neben dem Café sind Luxuswohnungen entstanden; viele Schauspieler und Musiker wohnen im Viertel. Und seit einigen Jahren wird auch der Park am Lietzensee restauriert. Die Kaskaden wurden erneuert, Kiezinitiativen pflegen die Gärten, im Frühjahr werden die historischen Uferwege wiederhergestellt, Bänke auf ihre historischen Plätze zurückgestellt. Ganz so, wie es Erwin Barth einst geplant hatte. Der Mann gestaltete auch den Savignyplatz, Rehberge, den Volkspark Jungfernheide und auch den Oranienplatz in Kreuzberg und viele weitere Flächen. Nach der Machtübernahme der Nazis nahm sich Barth das Leben, er fürchtete seine Absetzung.

Das Café wird in Zukunft „Bootshaus am Lietzensee“ heißen, „ganz klassisch“, sagt Biagio Vinci. Die neuen Betreiber wehren sich gegen Vorwürfe, sie würden ein Luxuscafé bauen und bisherige Gäste verscheuchen. Kuchen für den Nachmittag und kaltes Weizenbier für den Abend soll es auch weiterhin geben, zu den alten Preisen. Wer allerdings Currywurst will, muss woanders hingehen.

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