Berlin : Ein Bild von einer Stadt

Die Victoria im Sommerlicht, die Welt zu Gast - und ein Gefühl von Leichtigkeit. Auch Berliner entdecken sich mal wieder neu. Die Hauptstadt ist wieder ein Sommermärchen.

Christian van Lessen
wowi
Klaus Wowereit auf Ferienabstecher. -Foto: Imago

Sommerflaute in Berlin? Von wegen. Es ist wieder ein Sommermärchen. Die Stadt spürt frischen Wind und hat einen Schub bekommen, Barack Obama und 200 000 Menschen vor der Siegessäule waren auch eine Demonstration für die Weltoffenheit der Stadt, die zum globalen Ereignis geworden ist. Das schwingt nach, bleibt unvergessen. Das Foto, auf dem Obama winkend die Hand erhebt und über ihm die goldene Victoria auf der Siegessäule die Flügel ausbreitet: Das sieht fast aus, als böte die New Yorker Freiheitsstatue mit Lady Liberty die Kulisse. Wer in Berlin um amerikanische Wählerstimmen buhlt, der muss ein Gespür für den richtigen und wichtigen Ort haben, sagen sich viele Berliner, und achten mit wachsendem Stolz auf die steigende Zahl der Touristen. Ihnen die Stadt zu zeigen, selbst überrascht zu sein, wie schnell sich vieles verändert und attraktiver wird: Das vermittelt ein neues, selbstbewusstes Berlin-Gefühl.

Und eine Ahnung, dass die Stadt so viel zu bieten und zu erkunden hat, dass sich auch für Berliner eine Reise vor die Haustür lohnt. Das steigende städtische Selbstbewusstsein nährt sich auch aus dem aufblühenden Stadtbild und dem Boom der Touristenzahlen. Bald acht Millionen im Jahr, die in Hotels und Pensionen übernachten – das ist eine Zahl, die vor gut zehn Jahren undenkbar war. Da freuten sich die Tourismusmanager schon über drei Millionen Gäste. Jedes neue Hotel wurde fast als wirtschaftliches Risiko betrachtet, auch das drückte damals auf die Stimmung.

Heute öffnen neue Hotels an allen Ecken der Stadt fast im Monatstakt. Wer beispielsweise gestern zwischen Potsdamer – und Pariser Platz, zwischen den Linden und Bahnhof Friedrichstraße oder auf der Tauentzienstraße unterwegs war, hat sich fast nur durch Leute mit Stadtplänen wühlen müssen, beinahe ausschließlich fremde Sprachen und Dialekte gehört. Berliner, die ihre Gäste durch die Stadt führten, waren vor allem an ausgestreckten Zeigefingern zu erkennen: „Hier stand die Mauer – und hier, auf dem Leipziger Platz – war da nicht gerade noch die große Baulücke?“ Sie ist hinter einer großen Stoffplane mit aufgemaltem Bürohaus verschwunden, der ganze Platz scheint komplett bebaut – und auch diese Kulissenschieberei mitten in der Stadt ist Attraktion geworden: Berlin ist in Eile, sich zu verändern, und wenn es nur der schöne Schein ist.

Viele Gäste spannten gestern bei ihren Spaziergängen Sonnenschirme auf, fühlten sich wie in den Tropen, und auch das gab Berlinern das Gefühl, dass sich viel um sie herum geändert hat. Die Stadt mag in den Ferien von Zehntausenden Einheimischen geräumt sein – es ist faszinierend und aufregend, wie sich die Lücken füllen. Und verblüffend, dass die Anziehungskraft für alle Generationen gilt.

Mit dem Stolz auf die Stadt mag auch mitunter die stille Trauer verbunden sein, dass so schnell so viel vergessen wird: Dass dort, wo Berliner mit ihren Besuchern rund ums Brandenburger Tor flanieren, noch vor 20 Jahren eine gefährliche Grenze war. Dass die Erinnerung so schnell verblasst und sich auf Stadtführer und alte Fotos auf ausgestellten Mauerstücken beschränkt. Dort erfahren Touristen oft erstmals, dass die Ebertstraße ein streng bewachtes Sperrgebiet war, eine Brachfläche, auf der Kaninchen hoppelten. Das Selbstbewusstsein der Berliner kann darüber hinwegsehen, dass es noch immer viele hässliche Brachflächen in der Stadt gibt, dass es beispielsweise rund um den Hauptbahnhof wüst und fast beschämend aussieht. Aber die Lücken gehören zu den interessanten Brüchen im Stadtbild, wie es gerade auf Touristen anziehend wirkt. Etwa das Tacheles mit seinem morbiden Charme. Auch Clärchens Ballhaus und sein Vorgarten, umgeben von verwittertem Gemäuer, zählen zu den meistfotografierten Zielen.

Die Berliner zeigen ihren Gästen gern ihre moderne, hochgewachsene Stadt am Potsdamer Platz, die historische am Gendarmenmarkt, sie zeigen die schicken Townhouses am Auswärtigen Amt, die neue Friedrichstraße, die Szeneviertel in Mitte und Prenzlauer Berg, den Schlossplatz und die Linden. Aber viele Berliner haben auch das Gefühl, dass der westliche Teil von der wachsenden Attraktivität der Stadt mehr abbekommen müsste.

Der Kurfürstendamm mit seiner eigenen Anziehungskraft, die Gedächtniskirche als ein Wahrzeichen, der Zoo mit dem weltberühmten Knut und die Tauentzienstraße mit dem KaDeWe sind Trümpfe, die sich bei Touristen ausspielen lassen. Sonst fehlt es an Attraktionen, das geplante Riesenrad soll die Lage zum Besseren drehen. Auch auf lange angekündigte Hochhausprojekte wie das „Zoofenster“ setzt die Geschäfts- und Tourismusbranche hohe Erwartungen.

Dass die Unesco kürzlich mehrere Siedlungen der Moderne, etwa die Britzer Hufeisensiedlung, zum Weltkulturerbe erhob, hat der Stadt zusätzlichen Auftrieb und internationale Beachtung geschenkt. Schon wird daran gearbeitet, den Siedlungen – auch touristisch – mehr Beachtung zu schenken, zumindest mit ihrer hohen Auszeichnung und mit dem baulichen Erbe der Stadt zu werben.

Mit dem geplanten Schloss-Neubau dürfte sich die Anziehungskraft der Berliner Mitte verstärken. Was die BVG, Rundfahrtbusse, Velotaxis oder auch die 125 000 mal im Jahr vermieten Leihfahrräder der Bahn nicht an Touristen bewältigen, wird auf dem Wasser bewegt. Der Verkehr von Ausflugsschiffen zwischen Schlossbrücke und Kanzleramt ist gerade an Wochenenden oft so dicht, dass es fast zu Staus kommt. Und immer mehr Berliner fahren mit, weil sie überrascht sind, wie schnell sich die Perspektiven verwandeln und wie neu ihnen die eigene Stadt werden kann. Auch das ist ein Grund, als Berliner hier den Urlaub zu verbringen und auszukosten, was Touristen – abgesehen von ihrer Verwunderung über die Schmierereien im Stadtbild – so rühmen: Das Kulturangebot, den öffentlichen Nahverkehr, die vergleichsweise noch immer günstigen Preise, den recht flüssigen Autoverkehr, die vielen Parks, die Wälder und die Seen.

Und vielleicht wird man als Berliner wieder mal auf die Siegessäule steigen, die der Stadt gerade durch Barack Obama zu weltweitem Aufsehen verholfen hat. Die sich sozusagen als der ideale Standort ausgewiesen hat. Es sind 285 Stufen, hinauf, und von oben, unterhalb der ausgebreiteten Flügel und dem Rockzipfel von „Goldelse“, bietet sich ein toller Blick auf die Stadt. Sie scheint unüberschaubar zu sein, auch mit ihren Möglichkeiten. Ein angenehmes Gefühl. Hier ist gut zu spüren, was der Stadt im Augenblick so gut tut: ein frischer Wind.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben