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Berlin feiert die Nationalelf : Kleines Finale - kleiner Korso

Autokorso und Böller - alles eine Nummer kleiner als noch nach dem Sieg der deutschen Mannschaft gegen Argentinien. Doch auch das gewonnene Spiel um Platz drei war für die Berliner genug Grund, um die Nacht zum Tage zu machen.

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Viva Espana, gern auch in Berlin. Die Fans des neuen Weltmeisters zog es am späten Sonntagabend nach dem WM-Finale auf die Straßen der Stadt - zum Hupen und Fahnenschwenken.Weitere Bilder anzeigen
Foto: König
12.07.2010 00:37Viva Espana, gern auch in Berlin. Die Fans des neuen Weltmeisters zog es am späten Sonntagabend nach dem WM-Finale auf die Straßen...

Die Polizei hat eine positive Bilanz der Berliner Feiern nach dem 3:2 der deutschen Nationalmannschaft gegen Uruguay bei der Fußball-WM gezogen. "Alles ist ruhig und ohne Störung verlaufen", sagte ein Sprecher am Sonntag. Größere Zwischenfälle gab es demnach nicht.

Die Polizei hatte den Ku'damm zum Spielschluss wieder weitgehend gesperrt. Von Westen her war der Boulevard nach dem Spiel um Platz drei der WM am späten Sonnabend bis zur Uhlandstraße befahrbar, das Kranzler-Eck weiträumig abgesperrt. Erste Böller waren gleich nach dem Schlusspfiff zu hören. Der Autokorso kam diesmal zunächst etwas schleppend in Gang, rollte dann aber doch ganz ordentlich samt dem üblichen ohrenbetäubenden Hupkonzert. Und schließlich wurde daraus ein großer WM-Abschlusskorso, der sich durchaus mit den Siegesfeiern nach den großen Spielen mit jeweils vier deutschen Toren gegen England und Argentinien messen kann - fast.

Die deutsche Elf, ihre tolle Vorstellung bei der WM und ein hervorragender dritter Platz wurden aber auch zu Fuß gebührend gefeiert: Die Kreuzung Joachimstaler Straße/Kurfürstendamm verwandelte sich in eine Tanzfläche samt DJ: "Move it, Move it!" Rund 1000 Menschen versammelten sich dort nach Polizeiangaben spontan zum Feiern.

Auch anderswo in der Stadt waren nach Schlusspfiff gegen 22:15 Uhr Hupen und Silvesterkracher zu hören. Auf dem Gelände der Kulturbrauerei hatten gut 1500 Fans dem Spiel der Nationalmannschaft zugeschaut. Vorsorglich sperrte die Polizei rund um den Spielschluss einen Teil der Schönhauser Allee, weil bei den vorangegangenen Deutschland-Partien Fans den Kreuzungsbereich an der Eberswalder Straße blockiert hatten. Nach etwa einer Viertelstunde gaben die Beamten die Straße am Samstagabend aber wieder frei: Die Fans hielten sich diesmal mit dem Feiern zurück.

Die Berliner Fanmeile zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule hatte sich vor dem Spiel um Platz drei erst sehr spät mit Besuchern gefüllt. Im Vergleich zu den vorangegangenen Spielen herrschte lange gähnende Lehre vor der großen Bühne und entlang der Verkaufsbuden. In der letzten halben Stunde strömten die Fans der deutschen Nationalmannschaft dann doch aus den umliegenden S- und U-Bahnen auf die Straße des 17. Juni. Die meisten Gäste suchten bis zuletzt in Freibädern und an Seen eine Abkühlung. Bei 37 Grad Celsius im Schatten hatten viele Anhänger den Abstecher ins Zentrum so lange wie möglich hinausgezögert. Gegen 20 Uhr war die Fanmeile dann zu etwa einem Drittel gefüllt. Mehr wurde es dann auch nicht.

Gedränge gab es nur vor der großen Bühne. Der übrige Bereich war so aufgelockert, dass die Getränkebudenbetreiber ihr Personal in den freien Raum schickten, um doch noch etwas Umsatz zu machen. Und so brauchten sich die Fans, die an diesem Abend gekommen waren, nicht mehr zu bewegen, die kalten Getränke wurden herbeigekellnert.

Knapp eine Stunde vor dem Anpfiff waren die ersten größeren Fangruppen gekommen, doch der Andrang blieb insgesamt übersichtlich und in jedem Fall geringer als bei den Deutschland-Spielen bisher. Zuletzt hatten bis zu 350.000 Fans die Fanmeile gefüllt, eine Marke, die an diesem Abend weit verfehlt wurde. Gefeiert wurde trotzdem: Ein 3:2-Sieg, der kurz vor Schluss noch in Gefahr geriet: Freistoß Uruguay, Lattentreffer, Abpfiff - kollektives Aufstöhnen ging in Jubel über. Dabei hatten viele Fanmeilen-Besucher schon nach dem Treffer zum 3:2 durch Khedira nicht mehr am Erfolg der Deutschen gezweifelt und hatten vorzeitig den Heimweg angetreten. Dafür blieben andere umso länger: Viele Fans wollten gar nicht nach Hause und verwandelten die Fanmeile nach dem Abpfiff noch in einem große Partyzone.

Auch wenn an diesem Abend nur rund 100.000 kamen: Mit 1,45 Millionen Besuchern erwies sich die Berliner Fanmeile als die international erfolgreichste Veranstaltung während der ganzen Weltmeisterschaft. In weitem Abstand folgten Rio de Janeiro, Paris, London und Amsterdam.

Die vor den Großbildwänden ausharrenden Fans nutzten die Chance zum ausgiebigen und letzten "Schland"-Jubel mit schwarz-rot-goldenen Fahnen und Hüten. Sie riefen die Namen ihrer Helden Özil, Müller, Schweinsteiger. Ein Böller knallte in den Nachthimmel. Und danach ab auf den Ku'damm und in die Schönhauser Allee, zum Jubeln, Hupen, Tanzen.

Aber es hatte gedauert, bis die Fans in Stimmung kamen: Der Versuch einiger Animateure, schon vor dem Spiel die Fans zu "Deutschland"-Rufen zu ermuntern, blieb denn auch zunächst erfolglos. Es war gerade einmal genug Trubel, um einen Raubvogel zu erschrecken. Der verlor seine Beute, ein Eichhörnchen, das mitten in die Fanmeile fiel und mehr Aufsehen erregte als Buden und Bühnen.

90 Minuten vor dem Anpfiff hatte sogar noch gähnende Leere vor der Bühne und an den zahllosen Getränke- und Imbissbuden geherrscht. Eine Erklärung lieferte ein Mann im Trikot der Nationalelf mit dem Aufdruck „Jogis Co-Trainer“ auf dem Rücken. „Meine Kumpels liegen wahrscheinlich noch am See und können sich vom Wasser nicht losreißen“, erzählte Manfred Sturm aus Pankow. „Dabei hatten wir uns schon für 17 Uhr verabredet.“

Wasser war aber auch auf der Fanmeile selbst gefragt. Die Berliner Wasserbetriebe spendierten einen großen Springbrunnen, dessen kühles Nass auf die vorwiegend jugendlichen Fans herunterrieselte. „Herrlich!“, lautete der am meisten gehörte Ausspruch. Manche waren nach wenigen Minuten pudelnass. Doch schon wenige Augenblicke später klebte das Trikot bei bis zu 38 Grad Celsius schon schweißgetränkt wieder auf der Haut. Von der Abkühlung nahmen auch die Helfer des Deutschen Roten Kreuzes gern Gebrauch. Sie hatten kaum etwas zu tun, denn die meisten Gäste warteten im Schatten auf den Spielbeginn und schützten ihre Köpfe mit Hüten oder Basecap

Während des Spiels herrschte nicht zuletzt wegen des reichlichen Platzes zum Bummeln eine sehr entspannte Stimmung. Nach der Halbfinalniederlage gegen Spanien war die Spannung doch raus. „Wir sind eben alle ein wenig enttäuscht über die Niederlage gegen Spanien“, meinte die 16-jährige Nicole aus Spandau. „Aber auf die Nationalfarben an der Wange haben wir Mädchen dennoch nicht verzichtet.“ Oder war das hier doch die Fashion Week? Junge Frauen in knappen Röcken und Bikini-Oberteilen verwandelten die Fanmeile in einen Laufsteg.

Keine guten Geschäfte konnten die Verkäufer von Fan-Artikeln machen. Da half auch ein Preissturz für viele Produkte nicht weiter. So wurde die Stoffkette in Schwarz, Rot, Gold schon für einen statt wie bisher für zwei Euro angeboten. „Diejenigen, die heute kommen, haben schon alles“, kommentierte ein Verkäufer die Flaute. Selbst die Currywurst-Verkäufer drehten meisten aus Langeweile die Daumen. „Viel zu heiß“, hieß es hier.

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