Berlin feiert : Hertha-Fans spät im Glück, Eisbären-Fans souverän

Herthas Fans genießen den Aufstieg rund ums Olympiastadion und in den Biergärten. Der Autokorso wird eher zum Autotorso. Die stolzen Eisbären-Fans bejubeln in Friedrichshain souverän die Meisterschaft.

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Eher ein Autotorso: Schland-Stimmung kam am Kurfürstendamm nach Herthas Aufstieg nicht gerade auf. Man feierte lieber in Biergärten und Kneipen.
Eher ein Autotorso: Schland-Stimmung kam am Kurfürstendamm nach Herthas Aufstieg nicht gerade auf. Man feierte lieber in...Foto: Thilo Rückeis

Als es endlich passiert, fallen Gläser um in der „Westendklause“. Es ist, als flöge die ganze Kneipe einen Meter hoch in die Luft, als Hertha nach mühseligen gut 80 Minuten endlich das entscheidende Tor schafft, das Tor zum Aufstieg, mit dem unter den Hertha-Freunden in der Klause schon keiner mehr gerechnet hat. Ein langer Pass, ein Ball, der den Pfosten trifft, zurückprallt – und den Weg ins Tor findet. Kein Wunder, dass der Jubel Gläser von den Tischen der altmodischen Kneipe reißt. Die Bedienung, blond, schnell, nicht mehr die allerjüngste, mag mit einen Hertha-Tor nicht mehr gerechnet haben – verunfallende Biere aber nimmt sie sozusagen aus den Augenwinkeln wahr. Noch ehe die Hertha-Treuen zu Ende gejubelt haben, hat sie schon die Krepppapierrolle in der Hand. Sauber machen müssen die Jungs allerdings selber.

Nun können all die Leute, die das Wort „Hauptstadtklub“ mit einem Grinsen im Gesicht ausgesprochen haben, endlich, endlich wieder ein bisschen stolz sein. Der Bedarf ist offenbar da. Bevor es kurz nach 13 Uhr losgegangen war im Olympiastadion, zeigte sich die ganze breite Anhängerschaft der Mannschaft in Blau-Weiß. Unter dem blauen Himmel und den fünf Ringen des Stadions marschierten Hardcore-Herthaner heran, schwer dekoriert mit Schals, Fahnen und was man so hat, um seine Verbundenheit auszudrücken. Daneben kamen Väter mit kleinen und nicht mehr ganz kleinen Söhnen und Töchtern, Paare, junge, alte, bürgerlich-frühsommerlich mit feinen Wildlederslippern neben älteren Kuttenträgern mit verlebtem, deutlich dezimierten Gebiss. Sozial herrschte indes Bodenständigkeit vor: In einem Männerterzett aus mittelalten Kurzhaarträgern rechnete einer seinen beiden Kumpels vor, wie die drei mitgebrachten Flaschen Schultheiss aufgeteilt worden waren. Dann rülpste er und sagte: „Oi! Bäuerchen!“

Der Aufenthalt in der Zweiten Liga mag die Hertha allerlei gekostet haben – ihre Anhängerschaft ist geblieben, sogar eine gewisse Solidarität im Mit-Leiden. Es war noch eine Weile hin bis zum Spielbeginn, als ein magerer Mann mittleren Alters mit seinem Roller Richtung Stadion tuckerte, nicht allzu schnell, wie alles an diesem sonnig-kühlen Frühlingsmittag in entspannter Langsamkeit ablief. Der Roller fiel auf, weil er nicht bloß mit Aufklebern bestückt war, die den Mann als Fan des 1.FC Köln auswiesen, sondern vor allem mit einer wehenden rotweißen Fahne mit dem Geißbock-Symbol: Als wolle der einzige sich outende FC-Fan unter lauter blau-weißen Herthanern den Zweitliga-Kollegen einen letzen Sympathisanten-Gruß entbieten, bevor Hertha wieder entschwindet.

Auch ökonomische Indikatoren lassen den Schluss zu, dass der Berliner Verein mit den immer großen Ambitionen in den Mühen der Zweitliga-Ebene seine Fans doch ganz gut halten konnte. Flaschensammler, die vor Spielbeginn in der Stadion-Umgebung unterwegs waren, bestätigten das. Keine zwei Minuten stand eine just geleerte Kindl-Flasche unter den Olympischen Ringen, da kam schon einer, schnappte sie weg und packte sie in eine große Tüte. Ein anderer, der mit einem Einkaufswägelchen den Platz patrouillierte, sagte, dass allenfalls in den ersten Spielen nach dem Abstieg weniger biertrinkendes Publikum zum Stadion gestrebt war – danach strömten die Biertrinker wieder in so großer Zahl, dass der Alte seinen Wagen vor Spielbeginn mit Leergut im Wert von zwölf bis fünfzehn Euro füllen konnte, wie er sagt.

Zur Wahrheit über Hertha und seine Fans gehört aber auch, dass bis kurz vor dem Spiel noch Karten zu bekommen waren. Es mag die Unlust an einer Zehn-Meter-Warteschlange gewesen sein, die einen jungen Mann über den Platz unter den Olympischen Ringen mit der Frage „Hat jemand noch Karten übrig?“ laufen ließ.

Bei den Eisbären dagegen, die zeitgleich sogar um die Weihe der erneuten Meisterschaft spielten, ist fast jedes Spiel ausverkauft. Und natürlich auch jenes entscheidende gegen Köln, das den erneuten Titel bringen sollte – weshalb eigens Public Viewing in den Fan-Bögen am Ostbahnhof organisiert worden war. Die Anhänger waren hier blau-rot-weiß gekleidet und trugen mit Stolz die mit Werbung zugepflasterten Eisbären-Trikots. Später sah man sie feiernd die Warschauer Brücke entlangziehen und in den Kneipen Friedrichshains verschwinden. Im Publikum der Arena am Ostbahnhof tauchte sogar noch Tote-Hosen-Sänger Campino auf – um als Anhänger der Düsseldorfer EG die Eisbären anzuheizen und ihnen zu gratulieren. Oder war dies auch ein stiller Gruß an Hertha? Schließlich war Campino bei der Abstiegsfarce der Berliner vor einem Jahr dabei – als Hardcore-Fan von Fortuna Düsseldorf.

Vielleicht liegt dieses Jahr Zweite Liga den Herthanern trotz des geglückten Wiederaufstiegs noch ein wenig im Magen. Denn bei allem Jubel im Olympiastadion fiel die Party danach doch eher kurz aus. Die Fans strömten in die Biergärten, zu einem Autokorso am Ku’damm rafften sich nur so wenige auf, dass man eher von einem Autotorso sprechen musste. Lange gedauert hat er auch nicht.

Da ist der Aufenthalt in der Westendklause die sichere Variante, um nichts zu verpassen. Auch wenn es 80 Minuten lang so aussieht, als würde es nichts zu verpassen geben. Ganze zweimal ist bis dahin ein lautes „Uuuuuuuuuuuuuhhhhh!!!“ durch das Publikum gefahren, Ausdruck enttäuschter Hoffnung auf ein Tor, das nicht fiel. „Die wollen in die erste Liga ...“, spöttelt die Bedienung und weist mit dem Daumen über ihre Schulter hinter sich auf die Leinwand, auf der sich die Herthaner abmühen, vor dem Tor der Sandhausener herumlaufen und den Ball doch nicht hineinbringen. Nur eine alte Frau bleibt ganz kühl. Sie sitzt mit lauter jungen Männern an einem Tisch, sie sieht das Ganze freundlich distanziert. Ihr Pilsglas leert sich kubikmillimeterweise. Aber es bleibt stehen, als das entscheidende Tor fällt.

Mitarbeit: Jörn Hasselmann, Robert Ide, Claus Vetter

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