Berlin Friedrichshain : Die Alternative

Arbeiterviertel war es mal: Friedrichshain ist heute der junge Kiez mit dem sozialen Herzen. Hier wird der Nachbarschaftshelfer so gebraucht wie die Künstlerinitiative.

Matthias Jekosch

Letztens kam eine Nachbarin mit einem Kerzenhalter. „Können Sie den reparieren?“ fragte sie. Norbert Günther hat ihr geholfen. Marina Wöhrn betreibt, wie er, aktive Nachbarschaftshilfe. Günther beschäftigt sie als Schreibkraft. Bei Problemen mit Anträgen kommen die Leute zu ihr. „Dafür gibt es dann mal einen Korb Äpfel“, sagt sie.

Norbert Günther gilt im Altbezirk als Friedrichshainer Original. Er kennt jeden und jeder kennt ihn. Sein Vater machte 1953 seinen Sanitärladen in der Simon-Dach-Straße auf. 1976 übernahm Günther und zog erst 2003 in die Gabriel-Max-Straße um, unweit vom Boxhagener Platz. Hinter der Tür seines kleinen Ladens liegen in einer pyramidenförmigen Vitrine alte Wasserhähne aus der DDR, fein säuberlich drapiert. Die kleine Werkstatt ist mit Ersatzteilen vollgestopft.

Die anfallenden Arbeiten erledigt Norbert Günther meist alleine. Auch schwere Heizkörper oder Gasherde trägt der 66-Jährige selber aus den Wohnungen der Friedrichshainer. „Da kriegste krumme Beene“, berlinert er. Nur selten fordert er von Zeitarbeitfirmen eine Hilfe an.

Dem Rentner gefällt seine Arbeit. „Ich bin zu jung, um zu Hause rumzusitzen“, sagt er. Und das Schicksal vieler alter Bekannter will er auch nicht teilen. Die sitzen von morgens bis abends auf dem Boxhagener Platz und trinken. Friedrichshain war ein Arbeiterbezirk. Die kleinen Betriebe waren in den Hinterhöfen angesiedelt. Schon zu DDR-Zeiten gab es im Gebiet um den Boxhagener Platz viele Kneipen. Dazu kamen Schuster, Schneider und Tante Emma-Läden. „Nach der Wende fiel das alles weg und die Leute in ein tiefes Loch“ erzählt Günther. Viele fingen mit dem Trinken an.

Erst 1999 bekam das Gebiet Unterstützung, und zwar massiv. Etwa acht Millionen Euro Fördermittel wurden bis 2004 ins Quartiersmanagement investiert. 2005 berief man einen Quartiersrat aus Bürgern ein, der die weiteren Aktivitäten im Kiez koordinieren sollte. Auch Günther gehört dazu. Doch der Rat beendet in diesem Jahr seine Tätigkeit. „Hier stehen dann alle im Regen. Es gibt keine Übergangsvariante“, sagt Norbert Günther.

Doch der Kiez hat sich gemacht. Die heruntergekommenen Häuser der Nachwendezeit mit ihren Flurtoiletten sind heute allenfalls noch in Seitenstraßen zu sehen. Kneipen haben sich breit gemacht, allerdings auch zum Nachteil alteingesessener Betriebe. „Die haben viele verdrängt“, sagt Günther. Sein Handwerksbetrieb sei der vorletzte gewesen, der aus der Simon-Dach-Straße gehen musste.

Er selbst hatte es nach der Wende nicht einfach. Den Kapitalismus kannte er nur aus der Theorie, die Kundschaft wandelte sich, das Vertrauensverhältnis in der DDR war ein anderes. „Die sind morgens zur Arbeit gegangen, haben mir den Schlüssel zu ihrer Wohnung gegeben und gesagt: Mach mal.“ Inzwischen vertrauen ihm auch die vielen Zugezogenen. Manche lassen auch wieder den Schlüssel da.

Er nippt an seinem Kaffee im Büro hinter der Werkstatt. An der Wand hängt sein Meisterbrief direkt neben dem seines Vaters. Fotos von Günther mit Diepgen und Pflüger hängen darunter. Vor zwei Jahren ist Norbert Günther dem CDU-Ortsverein beigetreten. Als Kleinunternehmer möchte er seine Interessen gesichert wissen. Von der Umweltzone hält er zum Beispiel gar nichts, denn eines seiner zwei Autos muss er dann stehen lassen.

Seine Zugehörigkeit zu den Christdemokraten spielt er herunter. Er habe einfach ein Mitspracherecht im Bezirk haben wollen. Er ist sogar im Kreisvorstand. „Aber nur, weil ich meine Klappe nicht halten kann.“ Das war schon früher so. Er gehörte zu den ersten Wehrpflichtigen in der DDR. „Ich war nicht dafür und das hab’ ich auch gesagt. Den Stahlhelm hab ich zur Seite geschmissen, weil ich Kopfschmerzen davon bekam.“ Da grinst sich Norbert Günther eins. So war das. Ernste Probleme hat er damals nicht bekommen. Matthias Jekosch

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