Berlin : Berlin hat gute Chancen – muss sie aber nutzen

Institute belegen positive Zukunftsprognosen des Regierungschefs Wowereit CDU und Grüne mahnen: Sonntagsreden allein helfen nicht weiter

Miriam Schröder,Ulrich Zawatka-Gerlach

Berlin als Zentrum der Technologien von morgen, als Stadt der Talente und kreativen Menschen aus aller Welt. Ein hoher Anspruch, der vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) in einem Beitrag für den Tagesspiegel formuliert worden ist. Jawohl, sagten gestern die Grünen. „Berlin gehört wirtschaftlich, kulturell und wissenschaftlich in die Champions League der europäischen Städte.“ Um das zu erreichen, sicherte Fraktionschef Volker Ratzmann die Unterstützung der Grünen zu. Allerdings lasse sich das nicht durch Sonntagsreden erreichen. Auch der CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger fragte, „warum die Standortinitiative Wowereits erst nach sechs Jahren Regierungszeit kommt“? Dennoch freue er sich über die Ankündigung, bei Wirtschaft und Investitionen künftig alles besser machen zu wollen.

Wo steht Berlin nun – als „Innovationshauptstadt“ – im Vergleich zu anderen Metropolen? Wenn es um „Talente, Technologien und Toleranz“ geht, ganz vorn. Das behauptet das „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“, das von Wowereit als Kronzeugin bemüht wurde. Die Studie gründet auf der These eines US-Wissenschaftlers. Die kreative Klasse bewege sich überall weg von den traditionellen Produktionsstandorten hin zu den „Creative Centers“. Dort erblühe auch Innovation und Hochtechnologie. Das Kompliment der Studie an Berlin: „Durch ihre Hochschulen und Forschungseinrichtungen, das große kulturelle Angebot und die zahlreichen politischen Institutionen liegt die Stadt beim Humankapital und den hoch kreativen Erwerbstätigen unangefochten vorn.“ Mit hohen Ausgaben für Forschung und Entwicklung werde dazu beigetragen, dass dies so bleibt. Zudem sei Berlin eine tolerante Stadt.

Zu ähnlichen Ergebnissen war im Mai das „Institut für Sozialökonomische Strukturanalysen“ gekommen. Für Berlin spreche die Nähe zu Forschungszentren, die Attraktivität für Arbeitskräfte und die guten Verkehrsanbindungen. Ende 2006 entdeckte das Statistische Landesamt Baden-Württemberg die deutsche Hauptstadt als „einen der innovationsstärksten Standorte in Europa“. Zwar sei die Industrie vergleichsweise klein, ergänzt das „Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung“ (DIW), aber der Dienstleistungssektor expandiere im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich. An erster Stelle werden Tourismus, Verkehr, unternehmensnahe Dienste und die Kreativwirtschaft genannt. Die Teilnehmer des Manager-Panels zur wirtschaftlichen Entwicklung Berlins, einer Umfrage von Berliner Volksbank, Tagesspiegel und DIW, die gestern Abend vorgestellt wurde, sehen ebenfalls in der Kreativwirtschaft die größten Wachstumspotenziale. Aber auch für die Gesundheitswirtschaft und die Medizintechnik konstatieren sie gute Aussichten. Sie betonen jedoch auch, dass Berlin verstärkt Akzente bei Bildung und Forschung setzen sollte.

Denn längst nicht alles ist gut. Berlin fällt es offenbar schwer, seine Wissenspotenziale produktiv umzusetzen. Das zeigt sich zum Beispiel an der geringen Zahl von Patentanmeldungen. Auch ist das Wirtschaftswachstum wenig dynamisch, die öffentliche Verwaltung hat keinen guten Ruf. Selbst die Regierungspartei SPD kritisiert, dass es bei der Zusammenarbeit wissenschaftlicher Einrichtungen mit kleinen Betrieben Nachholbedarf gebe.

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