Berlin im Buch : Der Spion, der aus der Tiefe kam

Im Krimi „Operation Gold“ dreht sich alles um den Tagesspiegel – und einen geheimen Tunnel.

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Bis hierher und nicht weiter. Nachdem der den Sowjets lange bekannte Spionagetunnel am 26. April 1956 „entdeckt“ worden war, wurde er von Volkspolizisten bewacht.
Bis hierher und nicht weiter. Nachdem der den Sowjets lange bekannte Spionagetunnel am 26. April 1956 „entdeckt“ worden war, wurde...Foto: picture-alliance / akg-images

Schon wiederholt spielte der Tagesspiegel in Kriminalromanen eine Rolle. Als Inspirationsquelle für Pieke Biermanns Szene-Krimi „Potsdamer Ableben“ (1987) etwa, in dessen Mittelpunkt die Frauenredakteurin des „Wochenspiegels“ im Mittelpunkt steht. Dabei habe sie den Tagesspiegel im Sinn gehabt, verriet die Autorin später.

Eine unappetitliche Rolle als Accessoire eines Haushalts Mitte der 50er Jahre spielte der Tagesspiegel in Ian McEwans Thriller „Unschuldige“ (1990), in dem ein Mann getötet und zerlegt wird: „Ottos zerschmetterter Schädel polterte zu Boden und blieb auf den zerknüllten Seiten des Tagesspiegels und des Abends liegen.“ An sich ist der Roman eine Liebesgeschichte – vor dem Hintergrund der Affäre um den Altglienicker Spionagetunnel. Amerikaner und Briten hatten ein Loch nach Osten gebuddelt, um die Telefone zu den Sowjets in Karlshorst anzuzapfen. Der Deckname der Spionageaktion lautete „Operation Gold“, und so heißt nun ein weiterer, den Tagesspiegel literarisch verwertender Krimi von Petra Gabriel, erschienen in der Reihe „Es geschah in Berlin“ des Berliner Jaron-Verlags. Mehrere Autoren arbeiten sich seit der 1910 spielenden Eröffnung des Kettenromans im Zwei-Jahres-Rhythmus durch Berlins Geschichte vor, zusammengehalten wird das historische Verbrechenspanorama durch die Figur des Kommissars Hermann Kappe. Mit der „Operation Gold“ ist Petra Gabriel im Jahr 1950 angekommen, einige Zeit vor dem ersten Spatenstich in Richtung Altglienicke, der den Russen durch einen Spion längst bekannt war. Nur um ihn vor Enttarnung zu bewahren, mussten sie die West-Spione gewähren lassen.

Kriminalistische Hauptfigur ist wieder Kommissar Kappe, ihm gegenüber wie auch zur Seite gestellt aber ist Marie Palmer, anfangs Praktikantin, bald Volontärin beim Tagesspiegel, die mit einer Meldung über eine auf der Sektorengrenze zwischen West und Ost aufgefundenen Leiche in ein Wespennest sticht. Ohne Wissen hat sie sich in das geheime Treiben der Spione eingemischt, es bleibt dann auch nicht bei dem einen Toten.

Der Tagesspiegel saß damals im Ullstein-Haus am Tempelhofer Damm. Chefredakteur war Erik Reger, der im Roman einige Male höchstpersönlich auftritt. Ohnehin hat die Autorin zur Vorbereitung ihres Thrillers ausführlich im Tagesspiegel-Archiv recherchiert und manches historische Detail zutage gefördert und in ihre Geschichte eingebaut. So wird auch die Verschleppung des Tagesspiegel-Redakteurs Wolfgang Hanßke 1948 durch Vopos aus dem Neuen Stadthaus erwähnt, der erst 1955 aus Sibirien zurückkehrte. Offenkundig ist also das Bemühen, Zeitgeschichte spannend über eine erfundene Krimihandlung zu vermitteln. Ein an sich lobenswertes Unterfangen, nur kommt die Zeitgeschichte der Geschichte leider zu oft in die Quere. Wenn Kommissar Kappe beim Frühstück die Zeitung studiert und sich über die noch immer eingeschränkte Elektrizität oder die Brotpreiserhöhung informiert, so haben solcher Passagen keinerlei Funktion für die Story. Sie sollen Zeitkolorit transportieren, lesen sich aber wie verkapptes Lexikonmaterial über die frühen Fünfziger. Geschichtsbuchwissen alles in allem. Umso schlimmer, wenn Kappe nicht mal den Tagesspiegel liest, sondern den „Telegraf“ vorzieht.Andreas Conrad











— Petra Gabriel:

Operation Gold. Kappes 21. Fall. Jaron Verlag, Berlin. 190 Seiten, 7,95 Euro

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