Berlin im Wandel : An der Spree ist alles im Fluss

Investoren haben die Ufer in Friedrichshain und Kreuzberg entdeckt. Hier könnten in den kommenden Jahren Milliarden verbaut werden.

Matthias Oloew
Osthafen
Osthafen Der Studiokomplex "Fernsehwerft" ist im Bau. -Foto: Rückeis

In seiner Euphorie ist Franz Schulz derzeit nicht zu bremsen. „In zehn bis fünfzehn Jahren“, rechnet der Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg vor, „werden sich auf allen Baufeldern Kräne drehen.“ Was der Rathauschef der Grünen meint, sind die riesigen Brachflächen und Grundstücke entlang dem Spreeufer zwischen Jannowitzbrücke und Elsenbrücke. Und tatsächlich erhält die Entwicklung derzeit einen Schub durch Investoren vor allem aus dem Ausland, die Interesse an der attraktiven Wasserlage haben, um dort zu bauen: Büros, Hotels, Einkaufscenter, aber auch Wohnungen. Das Spreeufer ist das Schwerpunktgebiet, das der Senat auserkoren hat, um im Rahmen eines Bund-Länder-Programms den Charakter zu verändern: weg von Brache, die entstand, weil in der Flussmitte die Stadt über Jahrzehnte geteilt war, hin zu einem lebendigen Stadtviertel auf beiden Seiten der Spree.

Die Grundstücksbesitzer und Bauherren haben sich in einer Projektgruppe organisiert, die sich „Mediaspree“ nennt. Das soll auch ein bisschen signalisieren, wohin die Reise an diesem Abschnitt der Spree gehen soll: Unterhaltung, Freizeit, Mediennutzung und Kunst. Für Franz Schulz kein Hirngespinst: „Die Entwicklung war noch vor zwei Jahren nicht abzusehen – hier kann eines der attraktivsten Viertel Berlins entstehen.“ Werden die derzeitigen Pläne umgesetzt, dann wird sich auch die Berliner Skyline verändern. In Planung ist etwa ein 100 Meter hoher Turm am Ost-Bahnhof. Und an der Elsen-Brücke, direkt gegenüber dem Allianz-Tower, soll ein Hochhaus 90 Meter in den Himmel streben. Nahe der Sportarena, die 2008 fertig sein soll, könnte es in wenigen Jahren auf dem Anschutz-Areal zudem ein riesiges Vergnügungs-Center geben.

Bereits jetzt haben Zwischennutzer das Ufer entdeckt und belebt. Zum Beispiel die „Bar 25“, die auf den Grundstücken der BSR an der Holzmarktstraße eine hippe Strand-Lounge betreibt. Gleiches gilt für den „Club Yaam“ am Stralauer Platz. Der „Club Maria“ ist an der Schillingbrücke untergekommen, Mitstreiter wie das „Watergate“ und „103“ ziehen nachts die Massen in die Falckensteinstraße nahe dem Schlesischen Tor.

Damit diese Infrastruktur nicht zerstört wird und die Glitzerfassaden der Investoren-Entwürfe verhindert werden, wollen die Initiatoren der Gruppe „Mediaspree versenken“ ein Bürgerbegehren starten. Kernforderung: Das Spreeufer soll auf 50 Metern nicht bebaut werden dürfen, neue Gebäude sollen nicht höher als 22 Meter sein. Käme es dazu, würde das für viele Bauprojekte das Aus bedeuten. Am Dienstag will das Bezirksamt formell beschließen, dass dieses Bürgerbegehren zulässig ist. Die Initiatoren müssen dann innerhalb von sechs Monaten 5500 Unterschriften sammeln, um das Bürgerbegehren durchzusetzen.

Bis dahin könnten an vielen Stellen an der Spree längst Fakten geschaffen worden sein. Im Osthafen zum Beispiel ist schon jetzt keine Parzelle mehr frei. Zwar sind die Verträge für einige Grundstücke noch nicht unterschrieben, aber Michael Reimann, Abteilungsleiter Vermietung der Behala, hat keinen Zweifel, im kommenden Jahr alle Grundstücke los zu sein. „Wir haben verbindliche Interessenzusagen für alle noch freien Baufelder“, sagt er. Sollte ein Interessent abspringen, sei das nicht tragisch. „Wir führen Wartelisten.“

Ähnlich gut beurteilt die Behala auch die Nachfrage nach dem zweiten Areal, das sie an der Spree, diesmal auf Kreuzberger Seite, verkaufen möchte. Für die Fläche rund um den Viktoriaspeicher wird ein Investor gesucht, der das Gesamtgelände übernimmt und entwickelt. „Zehn bis zwölf“ ernsthafte Interessenten zählt Reimann, so dass es mit dem geplanten Verkauf im kommenden Jahr klappen könnte.

Die Post möchte ihre Grundstücke rund um den Ostbahnhof ebenfalls am Stück verkaufen. Der Bebauungsplan, der nach einem Ideenwettbewerb 1999 entstanden ist, sichert den Bauherren eine beträchtliche Baumasse an Büros und Wohnungen zu – inklusive eines großen Turms am Stralauer Platz. Wayss und Freytag wollen mit ihrem Columbus-Haus nicht so hoch hinaus. Die Vermietungsgespräche für die Büros hätten an Fahrt gewonnen, sagt Projektentwickler Volker Persch. „Durch die Bauarbeiten bei Anschutz ist das Gebiet viel stärker im Gespräch.“

Darauf setzen auch die BSR und die Berggruen-Holding. Während die Stadtreinigung ihre Flächen an der Holzmarkstraße meistbietend verkaufen will, investiert die Entwicklungsfirma des Sohns von Heinz Berggruen in den Bestand und die Sanierung geschützter Altbauten. Wie der Stadtumbau aussehen wird, kann man von der Aussichtsplattform Brommybalkon, beim Blick über den Fluss, erahnen. Hinten auf der Köpenicker Straße staut sich der Verkehr. Von dort tönt der Lärm der Bagger und Presslufthämmer der Anschutz-Baustelle herüber, die riesige Display-Tafel am Anschutz-Anlegesteg macht blinkend Dauer-Werbung für den Hallen-Sponsor. Wenn sich auch am Ufer die Kräne drehen, wie Franz Schulz es vorhersieht, ist der Dämmerschlaf der Spree beendet. Das gilt auch für die Existenz der Spontanvegetation am Ufer – und für die Zwischennutzer.

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