Berlin im Wandel : Rösselsprung durch Mitte

Klaus Bädickers Blick auf den Wandel in Berlin: Der Fotograf machte tausende Vorher-nachher-Fotos aus der sanierten Stadt rund um August-, Linien- und Tucholskystraße.

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„Geschichten gibt’s zu jedem Haus!“, sagt Klaus Bädicker, zieht ein Foto nach dem anderen aus der großen Kiste, die er auf den Rücksitz seiner Kawasaki platziert hat, und erzählt und erzählt. Der 65-Jährige mit dem wilden Schnurrbart und den lustigen Augen zwischen den Lachfältchen kommt gerade aus Brandenburg, wo er Herrenhäuser und die neu herausgeputzten Landsitze von Adel, Geld & Co. fotografiert, bisher 200 an der Zahl. Am Abend wird er mit ehrenden Worten bedacht, denn seine Fotos sind ein wichtiger Bestandteil der Bild-Text-Ausstellung über die „Gerettete Mitte“ in der Senatsverwaltung für Bauwesen. Und zwischendurch erleben wir den Flaneur mit der Kamera im Anschlag und der jüngsten Baugeschichte von Berlin-Mitte im Hinterkopf beim geistigen Rösselsprung durch die alte und neue Spandauer und Rosenthaler Vorstadt.

Klaus Bädicker, der Urberliner, hat einst in Weimar Baustoffkunde studiert und als Diplom-Ingenieur bei der Bauakademie der DDR gearbeitet. Mit der Betonmischerei vertraut, gelingt es ihm 1973, ein Jahr lang in einer ehemaligen Bäckerei in der Swinemünder Straße „mutig zu mauern, schippen, stemmen und Beton zu mischen“. Auf diese Weise wird die ihm zugewiesene sogenannte Ausbauwohnung zur Heimstatt und „zum Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit dieser Gegend und ihren Menschen“. Das zahlt sich bald vielfach aus. Später geht er zur Kommunalen Wohnungsverwaltung (KWV), die in Mitte 40 000 Wohnungen betreut, kauft sich zwei Fotoausrüstungen und entdeckt sein neues Hobby, das zum Beruf wird. Er wird Spezialist für neue Plattenbauten in alten Straßen, schärft seinen Blick auf den oftmals erbarmungswürdigen Zustand der Mietskasernen und nimmt sich auch der Hinterhöfe an, in die wenig Licht, aber immer mehr Putz fällt. „Hier, die Brunnenstraße 6–7“, sagt er, „da haben die Mieter sarkastisch ,Schöner unsere Paläste‘! auf die vom Schwamm befallene Mauer geschrieben.“ Rund um die Hackeschen Höfe, in der August-, Tucholsky und Linienstraße und drumherum entstanden tausende Fotos – vor und nach der Wende. Jetzt sind sie gefragte Dokumente des gewaltigen Wandels, der die Mitte radikal verändert hat.

Im Koordinationsbüro zur Unterstützung der Stadterneuerung sagt Andreas Bachmann, dass die Bevölkerung in der Rosenthaler Vorstadt wesentlich jünger geworden ist, mehr Kinder, mehr Akademiker – ein Großteil ist neu zugezogen. Weil auch die Häuser verjüngt wurden. Die Attraktivität hat sich erhöht, die Nachfrage nach teuren Wohnungen ist ungebrochen. Bädicker kommt nicht mehr wie früher so mir nichts dir nichts auf die Höfe, deren Eingangstore einst nie verschlossen waren – jetzt blitzen Klingelknöpfe neben neuen Haustürklinken.

Da denkt der Fotograf vom Bau gern an die wilde Zeit nach der Wende, als leerstehende Häuser besetzt wurden und plötzlich Leute kamen, die ihr Recht als Eigentümer einforderten. Von Fördergeldern und juristischen Winkelzügen hatte man keine Ahnung, Bädicker wurde „Ost- West-Dolmetscher“ am runden Tisch, und einmal kam einer mit einem Huhn unter dem Arm zur Sitzung. Diese und ähnliche Geschichten hat der Chronist des Wandels von Mitte aufgeschrieben, „Vorstadtsalat“ heißt das Büchlein, das sich ganz schnell verkaufte. Im Übrigen fotografiert er noch Friedhöfe, Graffiti, Budapester Fassaden, Türen von dänischen Häusern. Das wohl bekannteste Foto aus der Berlinserie ist jenes Bild vom Haus Mulackstraße 37, das schon zur Sprengung vorbereitet war, denn am 1. Juli 1989 hatte der Magistrat beschlossen, 566 Wohnungen abzureißen und an ihrer Stelle 1053 Plattenbauwohnungen zu errichten. „Was der Krieg verschonte, überlebte im Sozialismus nicht“, steht mit weißer Farbe an der pockennarbigen Fassade. Eines der vielen Dokumente einer Zeitenwende, durch die bewahrt und verschönt wurde, was dem Zerfall preisgegeben war.

Andreas Bachmann, einer der Sanierungsbeauftragten des Landes Berlin, sagt, wie er Bädicker erlebt hat: als genauen Beobachter, der die Entwicklung in Mitte mit gutem Auge begleitet hat und dessen Bilder die Situation in den 70er und 80er Jahren sehr lebendig widerspiegeln. Bädicker hört sich das Lob schmunzelnd an, dann muss er auch schon los nach Panketal – ins Eigenheim am Rande der Stadt. So weit weg? „Weil ich nach vier DDR-Wohnungsmodernisierungen die anno 2000 drohende West-Modernisierung nicht auch noch ertragen wollte.“ Lothar Heinke

„Die gerettete Mitte“, bis 16. Juni, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Württembergische Straße 6, Mo–Fr 9–18 Uhr.

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