Berlin : Immer weniger Einwanderer wollen Deutsche werden

Noch nie wollten sich so wenige Berliner einbürgern lassen wie in diesem Jahr. Der Migrationsrat kritisiert den Einbürgerungstest als abschreckend. Erhart Körting hält dies hingegen für "heiße Luft".

Ferda Ataman
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Erhart Körting, Berlins Innensenator: "Wem das nicht gefällt, der soll nicht Deutscher werden", sagt er zum Einbürgerungstest. -Foto: Thilo Rückeis

Im Jahr 2009 lassen sich offenbar erneut weniger Berliner einbürgern als in den Jahren zuvor: Seit der Einführung eines Einbürgerungstests am 1. September 2008 bis zum Juli dieses Jahres haben knapp 5100 ausländische Berliner die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Im gesamten Jahr 2008 waren es dagegen über 6800, im Vorjahr über 7700. Für 2009 zeichnet sich somit womöglich ein Rekordtief bei Einbürgerungen ab. Unter 6000 lag die Zahl der Neudeutschen zuletzt vor 20 Jahren.

Gründe für den Rückgang der Anträge in den Bezirken gibt es verschiedene: den Sprachtest etwa, der seit der Reform des Staatsbürgerschaftsrechts im Jahr 2000 eingeführt wurde. Für viele Türken – die mit Abstand größte Einbürgerungsgruppe – kommt das Verbot der doppelten Staatsbürgerschaft seit 2002 als Hindernis dazu. Und seit genau einem Jahr gibt es ein weiteres Novum auf dem Weg zum deutschen Ausweis: Ein Wissenstest, bei dem mindestens 17 von 33 gestellten Fragen zu deutscher Politik, Geschichte, Landes- und Erdkunde richtig beantwortet werden müssen.

Die Statistik besagt, dass der Fragenkatalog, der im Internet geübt werden kann, kein Hindernis für die Bewerber ist: Über 98 Prozent der Teilnehmer in Berlin haben ihn bestanden. Nur 55 Bewerber sind bislang durchgefallen. Dennoch bleibt der Einbürgerungstest umstritten. „Er vermittelt Einwanderern das Gefühl, dass sie nicht willkommen sind“, sagt etwa Hilmi Kaya Turan, Sprecher des Migrationsrats Berlin-Brandenburg. „Der Test ist eine emotionale Hürde, sich zu bewerben.“ Kaya kenne viele Leute, die alle Voraussetzungen erfüllen, sich aber wegen der Prüfung nicht bewerben. „Er schreckt ab“, sagt auch Taccidin Yatkin, ehemaliger Vorsitzender der Türkischen Gemeinde zu Berlin. Die rückläufigen Zahlen wertet er als Beleg dafür.

„Die Vorbehalte gegen den Test haben sich als heiße Luft erwiesen“, sagt dagegen Innensenator Ehrhart Körting (SPD). Die Tatsache, dass fast alle Bewerber den Test bestehen, spreche dagegen, dass er als „zusätzliche Hürde“ wirke. Vor mehr als einem Jahr sah der Senator das offenbar kritischer: „Ich habe die Befürchtung, dass viele Bewerber Schwierigkeiten haben werden, den Test zu bestehen“, schrieb er damals in einem Brief an den Bundesinnenminister. Einige Fragen zur Geographie seien „recht schwierig“, andere „klarstellungsbedürftig“. Dass der bislang unveränderte Fragenkatalog ein Grund zum Nichtbwerben sein kann, schließt Körting aus. Zwar seien nicht alle Fragen geglückt, trotzdem: „Wenn jemandem das nicht gefällt, soll er eben nicht Deutscher werden“, so Körting.

Der 30-jährige Nochtürke Sülyeman Secim hat erst vor vier Monaten in einer Einbürgerungsprüfung geschwitzt. Kurz darauf erhielt er einen Anruf vom Senat: „Wir gratulieren, Sie haben alle 33 Antworten richtig“, sei ihm gesagt worden. „Ich hielt das erst für einen Scherz“, sagt der Computeringenieur, der seit sieben Jahren in Deutschland lebt, „aber der Beamte war echt.“ Gelernt habe Secim für die multiple-choice Fragen nicht viel, ein paar Mal im Internet geübt und „mitgedacht“. „Die Frage zu ehrenamtlichen Richtern ist mir allerdings schwer gefallen“, erinnert er sich. Vieles in dem Test habe er aus der Türkei nicht gekannt. Umso nachvollziehbarer findet der Wahlberliner, dass Landeskunde neuerdings abgefragt wird.

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