Berlin : Berlin ist der EU zu laut

Erst Feinstaub, jetzt Krach: Brüssel verlangt vom Senat, den Verkehrslärm in der Stadt einzudämmen

Klaus Kurpjuweit

Lärm nervt – und kann gesundheitsschädlich sein. Jetzt soll es zumindest dem Krach auf den Straßen, an Bahntrassen sowie an Flughäfen an den Kragen gehen. Nachdem die Städte nach einer EU-Richtlinie bereits gegen den Feinstaub vorgehen müssen, verlangt die EU nun auch, Schritte gegen den Verkehrslärm einzuleiten. Während der Senat das Feinstaubproblem, wie berichtet, von 2008 an mit einem Fahrverbot für „Stinker“ in der Innenstadt begegnen will, ist derzeit unklar, mit welchen Maßnahmen der Lärm reduziert werden soll.

Die Auswirkungen des Krachs, vor allem aus dem Straßenverkehr, sei besorgniserregend hoch, heißt es beim Umweltbundesamt. Und die EU hat reagiert. Deren „Umgebungslärm-Richtlinie“ müssen alle Mitgliedstaaten für Städte mit mehr als 250 000 Einwohnern umsetzen. Bis zum 30. Juli 2007 muss deshalb auch der Senat sogenannte Lärmkarten veröffentlichen. Sie sollen zeigen, wo es auf Hauptstraßen und auch an Bahntrassen besonders laut ist. Dort muss dann gehandelt werden, verlangt die EU.

Die Lärmkarten erstelle man bereits, sagte die Sprecherin der Umweltverwaltung, Marie-Luise Dittmar. Ob sie allerdings bereits im Sommer im Internet veröffentlicht werden, könne sie noch nicht sagen. Eine Übergangsfrist lasse es zu, den Termin bis Oktober zu verlängern.

Parallel dazu werde bis zum Juli 2008 ein „Lärmminderungsplan“ erarbeitet. Modellprojekte gibt es bereits in Mitte, in Köpenick und Pankow. Als hoch belastet gelten alle Hauptstraßen und Straßen mit Straßenbahnverkehr. 80 Prozent der Anwohner müssen so im Pankower Untersuchungsgebiet gesundheitsgefährdenden Lärm ertragen.

Während der Motorlärm der Autos in den vergangenen Jahren verringert werden konnte, verursachen die Reifen nach Erkenntnissen des Umweltbundesamtes heute fast immer noch so viel Krach wie vor einem Vierteljahrhundert. Ob es bei der Reifenproduktion noch große technische Fortschritte geben kann, ist unter Fachleuten umstritten. Leisere Reifen böten weniger Sicherheit, zitiert die „ADAC-Motorwelt“ einen Sprecher des Reifenherstellers Michelin.

Am wirksamsten wäre ein neuer Straßenbelag. „Flüsterasphalt“ könnte den Lärm erheblich reduzieren. Hier sind sich die Experten einig. Doch für ein Neuasphaltieren aller Straßen fehlt das Geld. Berlin kann nicht einmal die Schlaglöcher flicken, durch die die Autos holpern – und zusätzlichen Lärm verursachen.

Die Planer wollen deshalb bisher vor allem den Straßenverkehr reduzieren. Autofahrer sollen angeregt werden, mit Bahnen und Bussen zu fahren, aufs Fahrrad umzusteigen oder zu laufen. Die BVG selbst hat – oft nach Protesten von Anwohnern – bereits versucht, den Lärm zu senken. Antriebe von lauten Straßenbahnen wurden umgebaut und für die Straßenbahn und die U-Bahn wurden „Flüstergleise“ entwickelt, die aber nicht überall eingebaut werden.

Auch die S-Bahn könnte leiser werden, wie ein Forschungsprojekt der Technischen Universität gezeigt hat. Der Umbau an den Zügen sei jedoch zu teuer und daher nicht realisierbar, sagt Bahnsprecher Burkhard Ahlert. Deshalb habe man eine andere Lösung gesucht. Der Abschlussbericht hierzu solle in den nächsten Wochen vorliegen.

Leiser kann es auch werden, wenn es gelingt, den Verkehr auf Straßen zu verlagern, an denen es kaum Anwohner gibt. In Köpenick setzen die Senatsplaner auf den Neubau einer Umgehungsstraße, der tangentialen Verbindung Ost von der Straße an der Wuhlheide bis zum Glienicker Weg. Und beim Fluglärm im Zentrum soll sich das Problem durch die Schließung von Tegel und Tempelhof erledigen.

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