Berlin : Berlin ist heißer als Athen

Christian van Lessen

Hochsommer im Frühling - Heute wird es nochmal richtig warm. Forster warnen vor WaldbrandgefahrChristian van Lessen

Überfüllte Straßencafés und Biergärten, hitzefrei in den Schulen, proppenvolle Badewiesen und Schwimmbäder, Warteschlangen beim Eis, Sonnenbrände allerorten, vorgezogene Sommerfeste, knochentrockene Parks und Wälder, zu frühe Mückenschwärme und erste Blätter, die schon an Farbe verlieren: Was der Mai an Frühling bietet, ist Hochsommer pur und kann kaum noch überboten werden. Die Stadt ist im Sommertaumel und genießt, wo sie nur kann, eine südliche Urlaubsstimmung. Heute soll es mit über 30 Grad noch einmal richtig heiß werden.

Das Lebensgefühl perlt wie Champagner, das Stöhnen der Städter über die Hitze klingt wie ein Ritual, das man gern über sich ergehen lässt. Stehen sonst in dieser Jahreszeit oft noch Heizlüfter in den Wohnungen, so sind es jetzt Ventilatoren. Viele Berliner, die ihre Sommerferien im Süden verbringen wollen und auf den Wetterkarten erstaunt feststellen, dass es in Berlin wärmer als beispielsweise in Athen ist, fragen sich gar schon, ob sie nicht doch besser in der Stadt hätten bleiben sollen. Doch wer nicht nur die Natur genießt, sondern auch dienstlich mit ihr zu tun hat, ist in diesen Tagen weniger glücklich. "Es wäre dringend an der Zeit, dass es regnet", sagt Marc Franusch von den Berliner Forsten. Dabei haben es die Bäume in den Wäldern noch besser als ihre Artgenossen in den Parks oder an den Straßen.

Aber gerade die Neuanpflanzungen und junge Bäume leiden jetzt unter Stress, ebenso die Gräser. Die Forstverwaltung befürchtet bereits wegen der extremen und unzeitgemäßen Trockenheit einen Ausfall von 20 bis 30 Prozent. Das größte Problem für die Forsten aber ist die Waldbrandgefahr.

Die extreme Trockenheit hat die Natur durcheinandergebracht, die Vegetation ist der Jahreszeit fast einen Monat voraus. Schon im April stellte der Botanische Garten anhand des Wasserverbrauchs fest, dass es ein ungewöhnliches Jahr werden könnte. Der Verbrauch war um 20 Prozent höher als sonst, und dieser Monat dürfte dies noch in den Schatten stellen. Brigitte Zimmer vom Botanischen Garten sieht vor allem Gefahren für die Straßenbäume. Wenn man sie jetzt nicht wässere, könnten viele eingehen.

Appelle, die Straßenbäume zu gießen, sind sonst im heißesten Hochsommer üblich. Ungewöhnlich ist auch, dass jetzt schon die Kastanienblüten abfallen und das Laub etlicher Bäume, kaum vier Wochen alt, bereits sein sattes Grün verliert. Und dass aggressive Stechmücken schon Mitte Mai zuschlagen, gehört auch auf die Liste des Seltsamen.

Weil die Seen bereits 20 bis 22 Grad warm sind - eine erste Algenplage wird schon im nächsten Monat erwartet - haben auch die Wasserretter viel zu tun. Sie mussten am Wochenende zwei Frauen aus der Havel fischen, die mit ihrem Schlauchboot von einem Ausflugsdampfer gerammt worden waren. Vor Gatow konnte gerade noch ein Kind vorm Ertrinken gerettet werden.

Ein ähnlich trockener Mai liegt elf Jahre zurück. Bis jetzt hat der Monat eine Durchschnittstemperatur von 17,7 Grad, über fünf Grad mehr als normal. Erst am Donnerstag soll es mit höchstens 20 Grad deutlich kühler und wechselhafter werden. Für die Bauern im Nordosten Deutschlands ist das ein schwacher Trost. Die lange Trockenheit hat bereits Millionenschäden verursacht.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar