Berlin : Berlin ist nicht genug

Den Regierenden Bürgermeister lockt die Bundespolitik. Nach der Wahl will er sich stärker einmischen

Ulrich Zawatka-Gerlach

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) will sich nach der Abgeordnetenhauswahl am 17. September stärker in die Bundespolitik einmischen. Dann werde er „sicher auch mehr Kapazitäten“ haben, um sich „bundespolitisch stärker zu artikulieren“, sagte Wowereit dem Nachrichtenmagazin „Focus“. Es war nicht das erste Mal, dass der Regierende politische Ambitionen über die Stadtgrenzen hinaus zu erkennen gab. Gelegentlich wird er sogar als Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl 2009 gehandelt.

Senatssprecher Michael Donnermeyer wies gestern den Verdacht zurück, Wowereit werde sich nach einer gewonnenen Wahl nur noch halbherzig um die Landespolitik kümmern. „Seit 2001 hat er so viele Probleme als Chefsache an sich ziehen müssen.“ Allein der Aufsichtsratsvorsitz bei der Flughafengesellschaft habe enorm viel Zeit und Kraft verschlungen. In der zweiten Amtszeit, so Donnermeyer, „wird der Regierende seine Schwerpunkte etwas anders setzen“. Inzwischen habe er sich auf Bundesebene großes Gewicht verschafft und sei in allen Medien ein gefragter Gesprächspartner.

Der Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann, der künftig mitregieren möchte, warnte Wowereit eindringlich davor, Berlin mit leichter Hand regieren zu wollen. „Es kommt viel Arbeit auf uns zu, das wird kein Urlaubssemester.“ Schon jetzt spiele der Regierende Bürgermeister gern mal „den Sonnenkönig, der sich um die Niederungen der Landespolitik nicht mehr kümmert“. Offenbar übe er schon für die nächsten Jahre.

Der SPD-Landeschef Michael Müller nutzte hingegen die Gelegenheit, Wowereits bundespolitische Kompetenz zu loben. „Sein Herz hängt an Berlin, und er bleibt sicher noch lange Regierender Bürgermeister, aber er kommt für jedes hohe Parteiamt und jede bundespolitische Rolle in Frage.“ Nur Präsident der Vereinten Nationen will Wowereit dem Vernehmen nach nicht werden, obwohl er seinen persönlichen Internetauftritt seit ein paar Tagen dreisprachig präsentiert: deutsch, englisch und französisch.

Einen bedeutsamen aktuellen Anlass haben Wowereits jüngste Äußerungen jedoch nicht, wird in SPD-Kreisen betont. Der nächste SPD-Bundesvorstand wird im Herbst 2007 gewählt, und die Kanzlerfrage muss, solange die große Koalition im Bund hält, erst 2009 beantwortet werden. Das jüngste überregionale Interesse am Berliner Regierungschef wurde wohl durch eine Umfrage des „Spiegel“ hervorgerufen, bei der Wowereit in der Liste der 20 wichtigsten Politiker Deutschlands überraschend auf Platz 5 gelandet ist. 91 Prozent der Bundesbürger kennen ihn und 53 Prozent wollen, dass er in der deutschen Politik „eine wichtige Rolle spielt“. Dieses Thema greift Focus in seiner neuen Ausgabe auf.

Für die SPD-Linke, aber auch für Politiker der Linkspartei/PDS, ist Wowereit ein Hoffnungsträger, der im Bund ein rot-rot-grünes Bündnis schmieden könnte. Er moderiere über Parteigrenzen hinaus, lobte der Bundestags-Fraktionsvize der Linkspartei, Bodo Ramelow. Der CDU-Spitzenkandidat Friedbert Pflüger empfindet dies als Bedrohung. „Was will Wowereit den Bundesbürgern antun?“

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