Berlin ist nicht Moskau : Vorsicht, Selfie!

In Moskau warnt die Polizei vor tödlichen Gefahren durch Selfie-Unfälle. So abenteuerlich und abgelenkt sind Berliner nicht - wenn man mal vom Handy am Steuer absieht

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Beim Selfie immer schön stehenbleiben - dann stolpert man auch nicht so leicht.
Beim Selfie immer schön stehenbleiben - dann stolpert man auch nicht so leicht.Foto: Felix Zahn/dpa

Es ist ja nicht so, dass das Selfie erst mit Einführung des Smartphones erfunden wurde. Es lässt sich nur bequemer herstellen. Zu seinen Vorläufern zählen Rembrandts oder Van Goghs Selbstbildnisse ebenso wie, nach Erfindung der Fotografie, die per Selbstauslöser fabrizierten Familien- oder Soloporträts.

Sie entstanden in der Regel ohne Risiko, von den Dusseln mal abgesehen, die bei schönstem Sonnenuntergang rückwärts eine Klippe runterstürzten, weil sie immer nur das Ablaufen des Selbstauslösers vor sich, nicht den Abgrund hinter sich im Sinne hatten.

Eine Gefahrenquelle, über die Russlands Polizei nur lachen kann, die nach Dutzenden von tödlichen Selfie-Unfällen und zahlreichen Verletzten jüngst mit einer Broschüre gegenzusteuern versuchte, wie die Agenturen dpa und AFP berichten.

„Ein cooles Selfie kann dich das Leben kosten“, warnt darin das Innenministerium und wartet mit allerlei hierzulande wohl eher Heiterkeit als Grauen erregenden Piktogrammen auf: Auf Gleisen mit einem heranrasenden Zug im Rücken zum Smartphone greifen; sich beim Herumfuchteln mit einer Pistole oder beim Herumturnen auf einem Strommast verewigen oder auch beim Klettern auf dem Dach – all dies sei zu riskant und daher lieber zu lassen, so die eindeutige Botschaft.

Dreigeteilte Bürgersteige? Nicht vorgesehen

Piktogramme der Selfie-Kampagne der Polizei in Russland.
Piktogramme der Selfie-Kampagne der Polizei in Russland.Screenshot Ministry Of Internal Affairs Russian Federation

Ein Vorbild für die Berliner Polizei und die hiesigen Selfisten? Von Russland lernen heißt leben lernen? Statistisch ist die Gefahr des Selfismus hierzulande nicht zu erhärten, schon deswegen nicht, da die Polizei keine Statistiken über entsprechende Unfälle führt. Auch seien Selfies in der Regel mit Sightseeing verbunden, während man sich selbst fürs Verhalten im Straßenverkehr interessiere, dort gebe es keine Auffälligkeiten, heißt es bei der Polizei.

Wohl aber bei der verbotenen Handybenutzung am Steuer, worauf die Beamten nach wie vor ein strenges Auge haben. Mit Aufklärungskampagnen wird auf dessen Gefahren verwiesen, auch organisiert man Schwerpunktkontrollen wie zuletzt Anfang März. „Überlaute Musik“ ist aus Sicht der Polizei als potenzielle Ablenkung ebenfalls verpönt. Viele der mit dicken Kopfhörern schalldicht von ihrer Umgebung abgeschnittenen Musikfreunde scheinen sich darum nicht zu scheren, ein schwer beweisbarer Vorwurf: Durch ihre Ohrmuscheln dringt ja auch nichts mehr nach außen.

Warnhinweise für Selfisten sind hier aber nicht geplant, Berlin ist nicht Moskau. Auch hat man bislang nicht gehört, dass in Berlin dreigeteilte Bürgersteige geplant seien, wie es sie bereits in der chinesischen Stadt Chongqing gibt: ein Streifen für normale Nutzer, die beiden anderen für Smartphone-Freunde, die, nach Laufrichtung getrennt, übers Smartphone gebeugt ihrer Wege ziehen – vor der Gefahr gebannt, einander über den Haufen zu rennen. Den Streit, wem man hier die dritte Spur wegnehmen sollte, möchte man sich sowieso lieber nicht vorstellen: Den Autofahrern? Den Radlern?

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