Berlin : „Berlin ist vor allem eines: billig“

Ein Produzent kratzt am Lack der Musikstadt

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Berlin die Pophauptstadt – stimmt das?

Kommt auf die Perspektive an. Der Marktführer Universal sitzt hier und unendlich viele Independent-Label. Außerdem gibt es die Popkomm, MTV, eine in Deutschland einmalige Radiolandschaft und eine sehr bunte und vitale Clubszene, auch gerade für kleine Bands. Aber im Endeffekt sind das alles Scheinargumente.

Heißt was?

Berlin ist nur eine weitere marode osteuropäische Großstadt, die total überschuldet ist. Das unterscheidet Berlin von allen anderen europäischen Großstädten: Während London eine finanzkräftige Stadt ist, die den Rest des Landes mitzieht, ist Berlin auf Finanzhilfen anderer angewiesen. Etwas Weltstädtisches hat Berlin zudem auch nicht, weil es zwar viel internationales Publikum gibt, es aber der deutschen Volksseele an Akzeptanz für das „Fremde“ fehlt. Leider.

Was macht die Stadt dann attraktiv für die Musik?

Sie ist vor allem billig. Hier können Musiker günstig wohnen und Studios für wenig Geld einrichten. Außerdem kommen am Wochenende massenhaft Amüsiertouristen her, die sich in den Clubs die Köpfe voll saufen.

Also gibt es die aktive Musikszene nur wegen der billigen Mieten?

Das ist zumindest der Unterschied zu anderen Städten. Berlin hat aber auch eine Subkultur, die es sich erhalten muss.

Gehen sie jeden Abend in einen Club?

Nein, als Produzent verpasse ich da nichts. Meine Sachen kommen zu 95 Prozent aus Nordamerika, deshalb muss ich hier nicht jeden Abend in Clubs gehen. Wir werden mit Demos zugeschüttet.

Wie klingt denn der „Sound of Berlin“?

Er ist auf jeden Fall elektronisch. Aber es gibt in Deutschland wenig international Vorzeigbares. In den achtziger Jahren waren es die Einstürzenden Neubauten. Das war genau dieses Trümmer-Westberlin. Den rauen Charme hat Berlin auch heute noch und zieht damit viele Musiker an. Aber für mich fehlen die kreativen Highlights, die Innovatoren von heute.

Das Gespräch führte Christian Tretbar .

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