Berlin : Kampf gegen Kaugummis - eine zähe Angelegenheit

Sie pflastern die Wege und Plätze der Stadt: Kaugummis. Die klebrigen Reste allerorten regen die Berliner auf, auch Wowereit ärgert sich. Doch die Beseitigung ist technisch sehr aufwändig und teuer.

Stefan Jacobs
Kaugummis Foto: dpa
Kaugummis. Hinterlassenschaft an einem ausgestellten Segment der DDR-Mauer am Potsdamer Platz. -Foto: dpa

Die einen ärgern sich jeden Tag aufs Neue, während andere das Ärgernis wegen seiner Allgegenwart kaum mehr registrieren: Kaugummireste, die millionenfach auf den Wegen und Plätzen der Stadt kleben. Am Donnerstag hat sich Klaus Wowereit über die Anmutung des Alexanderplatzes beklagt, wo die erst kürzlich verlegten hellen Granitplatten von dunklen Flecken übersät sind. Der Regierende stellte Abhilfe in Aussicht. Doch die scheint problematisch – und zwar nicht nur am Alex.

„Dieser helle Granit ist in jeder Hinsicht ein schwieriges Pflaster“, sagt BSR- Sprecherin Sabine Thümler. Weil der Boden sandverfugt sei, könne man nicht mit dem Hochdruckreiniger anrücken, sondern müsse die aufwendigste Variante wählen: erst jeden Kaugummi einzeln behandeln und dann den ganzen Platz schrubben. Immerhin gebe es vielversprechende Gespräche über das Thema mit den Anrainern und dem Bezirk.

Wen man auch fragt: Am Ende läuft das Thema auf die Frage hinaus, wie die Leute mit ihrer Stadt umgehen. Dass die „vermeidbare Verschmutzung der Straßen“ mit zehn Euro bestraft werden kann, ist Theorie: „Zu kleinteilig“, sagt der Charlottenburg-Wilmersdorfer Ordnungsstadtrat Marc Schulte (SPD). „Da gibt’s wirklich Wichtigeres“, und außerdem müssten die Spucker in flagranti erwischt werden. Auch CDU-Innenpolitiker Frank Henkel sieht nur den Weg, „das Ordnungsbewusstsein der Menschen zu schärfen“. Es werde über zu vieles hinweggesehen; „ob das Graffiti sind oder herumlungernde Gestalten oder verwahrloste Parks“.

Silke Fürstenau, die bei der Stadtentwicklungsverwaltung die Alex-Planung koordiniert, merkt an, „dass in anderen Ländern anders reagiert wird, wenn jemand etwas fallen lässt“. Im oft zitierten Paradebeispiel Singapur war der Kaugummiverkauf jahrelang verboten, weil die Reste nicht nur die Stadt verunziert, sondern durch blockierte Türsensoren auch U-Bahnen lahmgelegt hatten.

Immerhin sind der Berliner Tourismusgesellschaft BTM noch keine Beschwerden von Gästen wegen der Altgummiplage untergekommen. Ausländer nähmen Berlin eher als gut organisiert wahr, sagt BTM-Sprecher Christian Tänzler. Und Besucher aus deutschen Kleinstadtidyllen stießen sich eher an beschmierten Wänden und zerkratzten Scheiben.

Alex-Planerin Fürstenau sagt, „dass es uns auch nicht gerettet hätte, am Alex einen anderen Stein auszuwählen“: Auf dem Gehweg der Dircksenstraße vor dem Bahnhof sehe es nicht besser aus. Theoretisch bliebe nur, alles dunkel zu asphaltieren, denn irgendwann wird der Dreck dunkelgrau. Uwe Schendel, Regionalleiter des von der BVG beauftragten Reinigungsunternehmens Sasse, spricht „von echter Strafarbeit“ und kennt als Abhilfe nur, die Flecken mit Dampf oder durch Vereisen zu lösen. Mindestens zehn Prozent ihrer Arbeitszeit auf den Bahnhöfen investierten die Sasse-Mitarbeiter in den Kampf gegen Kaugummis, schätzt er.

Der Kaugummiverband, die Lobby der Hersteller, macht keine Hoffnung auf technische Revolutionen: „Wenn ich etwas kauen will, ohne dass es im Mund zerfällt, muss es auch kleben“, heißt es dort. Und dass der deutsche Kaugummimarkt mit seinem Jahresumsatz von zuletzt gut 600 Millionen Euro noch großes Wachstumspotenzial habe.

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