Berlin : Kinderschutz: Hebammen helfen Eltern ein Jahr lang

Geschrei, Überforderung, Aggression. Die Phase nach der Geburt eines Kindes kann problematisch sein. Familienhebammen helfen hier. Bisher endet die Begleitung nach acht Wochen - für viele Problemfamilien zu früh. Ein neues Modellprojekt soll das ändern.

Sabine Beikler,Matthias Jekosch

Die Überforderung kommt oft nach der Geburt des Kindes: Das Baby schreit, die Eltern-Beziehung ist angespannt, die soziale Situation schlecht – Aggressionen steigen und können sich gegen das Kind richten. Bisher werden Hebammen für acht Wochen nach der Geburt finanziert, um Eltern und Mütter in dieser Phase zu unterstützen. Diese Zeit reicht für viele Familien aber nicht aus. Deshalb startet Anfang 2009 ein berlinweites Modellprojekt in Friedrichshain-Kreuzberg: Vier Geburtshelferinnen mit einer sozialpädagogischen Zusatzausbildung sollen etwa 30 Familien nach der Geburt noch ein Jahr lang begleiten und betreuen. Die Senatsgesundheitsverwaltung sieht das Projekt als „wichtigen Baustein“ im Netzwerk Kinderschutz. Ob sich das Land mittelfristig daran beteiligt, sei aber offen, sagte Sprecherin Regina Kneiding.

Betrachtet man die Zahlen, macht eine längere Begleitung von Eltern und Müttern Sinn: Um 29 Prozent auf 751 Fälle sind im Vorjahr in Berlin die Fälle von Kindesvernachlässigungen gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr gab es außerdem 645 Fälle von angezeigten Kindesmisshandlungen – 82 mehr als im Vorjahr. „Wir müssen wöchentlich Kinder aus richtig verdreckten Wohnungen rausholen“, sagt Monika Herrmann (Grüne), Jugendstadträtin in Friedrichshain-Kreuzberg. „Wenn Eltern oder alleinerziehende Mütter nach den Besuchen der Hebamme kein soziales Netz haben, wird es schwierig“, sagt Herrmann. Deshalb hat sich der Bezirk Kooperationspartner gesucht, um Familienhebammen einzusetzen. Gespräche mit der Techniker Krankenkasse (TK) seien erfolgversprechend verlaufen. So soll die TK neben der medizinischen Tätigkeit der Hebammen auch die Zusatzqualifikation bezahlen. Ein entsprechender Antrag liegt der Krankenkasse vor. Die TK signalisiert Interesse: „Das hört sich nach einer guten Sache an“, heißt es dort. Der Bezirk selbst stellt 60 000 Euro bereit für eine längere Betreuung der Familien und junge Mütter. Nach welchen Kritierien die Familien ausgesucht werden, wird zurzeit noch erarbeitet.

Auch andere Bezirke sehen interessiert nach Friedrichshain-Kreuzberg. „Das könnte eine sinnvolle Ergänzung zum Netzwerk Kinderschutz sein“, sagt Siegfried Schuler, Sozialamtsleiter in Charlottenburg-Wilmersdorf. Für die Gesundheitsstadträtin in Tempelhof-Schöneberg, Sibyll Klotz (Grüne), sind Familienhebammen „so nah an den Kindern wie kaum jemand anderes“. Das sieht auch Jugendstadtrat Rainer-Maria Fritsch (parteilos) in Mitte so. „Viele Gefahren für Kinder entstehen auch aus Unwissenheit der Eltern. Familienhebammen können da hilfreich sein.“

Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) erinnert sich an das Modell der früheren Säuglingsfürsorge in Berlin, die obligatorisch jede Familie nach der Geburt besucht hatte. Dieses Betreuungssystem sei jedoch abgebaut worden. „Heute aber gibt es immer mehr Eltern, die keine Ahnung vom Umgang mit Säuglingen haben.“ Das Kreuzberger Projekt habe einen „richtigen Ansatz“, der Vorbild für Neukölln sein könne.

Auch im Abgeordnetenhaus herrscht Einigkeit über den Nutzen von Familienhebammen. CDU-Politikerin Emine Demirbürken-Wegner findet den Vorstoß von Friedrichshain-Kreuzberg „lobenswert. Es gibt keine Hilfe, die so früh greift.“ Das sieht auch Mieke Senftleben von der FDP so. „Es ist sinnvoll. das persönliche Verhältnis aufrecht zu erhalten, das eine Hebamme zu einer Familie aufbauen kann.“ Für Grünen-Politikerin Elfi Jantzen ist die Hebamme eine „Schlüsselperson“, wenn es darum gehe, Hilfe zu organisieren.

Die rot-rote Koalition kann der Idee etwas abgewinnen, zeigt sich jedoch noch skeptisch. „Es gibt noch keine wissenschaftlichen Ergebnisse“, sagt SPD-Jugendpolitikerin Sandra Scheeres. Die Finanzierung müsse geklärt werden, sagte Gesundheitspolitiker Wolfgang Albers (Linkspartei). Während die Gesundheitsverwaltung dem Projekt positiv gegenüber steht, äußert sich die Jugendverwaltung von Jürgen Zöllner (SPD) vorsichtig. Es sei zwar „sehr wichtig, Hebammen einzubinden“, sagte Sprecher Bernhard Kempf. „Aber sie sollen den medizinischen Teil übernehmen und ausgebildete Sozialarbeiter den anderen.“ Kempf weist auf die „aufsuchenden Elternhilfe“ hin, die der Senat bis Ende August 2009 mit 300 000 Euro jährlich finanziert: Sozialarbeiter werden zu den Familien geschickt, wenn Jugendämter, Ärzte oder Hebammen Alarm geben.

Eine Konkurrenz zwischen Sozialarbeitern und Familienhebammen aber sieht Stadträtin Herrmann nicht: „Wenn das Jugendamt kommt, ist eine freiwillige Kooperation bei Familien nicht sehr hoch. Bei Hebammen gibt es mehr Akzeptanz.“

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