Berlin : Berlin liegt am Brocken

Immer wieder stoppen Findlinge den Bahnbau. Die großen Granitbrocken lagern seit Jahrtausenden im Berliner Grund. Den Bohrern tut das gar nicht gut.

Nele Pasch
Bis der Bohrer bricht. An einem Findling an der Baustelle der U5 beißt sich die moderne Technik die Zähne aus. Foto: Florian Schuh/dpa
Bis der Bohrer bricht. An einem Findling an der Baustelle der U5 beißt sich die moderne Technik die Zähne aus. Foto: Florian...Foto: dpa

Die BVG hat es schwer. Egal wo sie bohrt und buddelt, meist sind Gesteinsbrocken im Weg. So auch jetzt wieder. Bei den Tiefbauarbeiten für den neuen U-5-Bahnhof „Unter den Linden“ sind Arbeiter wie berichtet auf ein opulentes Überbleibsel aus der Eiszeit gestoßen. Groß ist es, hart und hartnäckig. Der Granitklotz misst eine Kantenlänge von etwa 3,50 Metern, liegt in 17 Metern Tiefe und hat schon zwei Bohrern den Garaus gemacht. Das Granit ist schlichtweg zu fest. Deshalb hat die BVG nun einen Spezialbohrer angefordert, den „BG 40“. Doch auch der hat noch Probleme mit dem Brocken. Etwas zerknirscht gibt BVG-Pressesprecher Klaus Wazlak zu, dass der Riesenbohrer gerade mal 20 bis 25 Zentimeter am Tag zerkleinern kann. Seit Mittwoch dreht sich die Maschine, das heißt ein guter halber Meter ist mittlerweile abgetragen, drei Meter müssen es noch werden. Genaue Angaben zu Verzögerungen der Bauarbeiten macht Wazlak lieber nicht, da die Zusammensetzung und Dichte des Gesteins sich jederzeit ändern könne. Nur so viel sei sicher: Jeder Tag, den der Eiszeitbrocken für sich beansprucht, fehlt dem U-Bahnbau. Auch ist nicht ausgeschlossen, dass dieser Fund der letzte sein wird.

Riesenkran an der U5-Baustelle
Am Freitag wird der neue Riesenkran vorgestellt. Er soll den Bohrkopf in die Baustelle am Roten Rathaus heben.Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Kai-Uwe Heinrich
11.04.2013 14:52Am Freitag wird der neue Riesenkran vorgestellt. Er soll den Bohrkopf in die Baustelle am Roten Rathaus heben.

Der Berliner Boden ist ja sowieso voller Granit, rote Zeugnisse von vor 10 000 Jahren. Christoph Heubeck, Professor für Geologie an der Freien Universität Berlin, spricht von Millionen Steinen, die auf dem Grund liegen seit der letzten großen Eiszeit: Damals haben die Gletscher auf ihren Wanderungen Gestein abgetragen und es bis zur Schmelze mit sich getrieben, oft kilometerweit. Forschungen haben ergeben, dass die Berliner Findlinge ihren Ursprung in Skandinavien und dem nördlichen Russland haben. Weit sind sie also gereist, und vor allem schnell. Heubeck erzählt, dass die Gletscher zum Teil zehn Meter im Jahr zurückgelegt haben – mit den Brocken im Gepäck. Berlin hat es dabei im Vergleich besonders häufig getroffen, ganze viermal wurde das Gebiet im Laufe der Jahrtausende von Gletschern überrannt. „Deshalb gibt es hier so viel altes Gestein“, sagt Heubeck.

Ein großer Brocken weilt im Schwarzen Grund am U-Bahnhof Thielplatz. 1912 wurde das Teil entdeckt, auch beim Bau einer Bahn. Selbst 16 Zugochsen konnten ihn nicht aus dem Weg räumen. Seilwinde verschafften dann Abhilfe: Es dauert allerdings 14 Tage, um den Stein 40 Meter weit zu bewegen. Doch kann man auch anderes mit den Eiszeitsteinen anstellen, als sie zu bergen oder zerstören: Der Granitbrunnen vor der alten Nationalgalerie kam ursprünglich auch mit einem Gletscher nach Berlin. Und auf Ebay gibt es Findlinge aus dem Tiergarten zu kaufen. Größe nach Wahl.

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