Berlin, Lissabon, Moskau : Die dunklen Kapitel europäischer Hauptstädte

Diktatorische Vergangenheiten haben in zahlreichen europäischen Hauptstädten Spuren hinterlassen. Eine Ausstellung geht ihnen nach.

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Bilder vom Überdauern. Harald Bodenschatz in der Ausstellung mit seinen Bildern.
Bilder vom Überdauern. Harald Bodenschatz in der Ausstellung mit seinen Bildern.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es ist ein bizarres Stück Berlin in Schwaben: Neben einem Müllheizkraftwerk in Stuttgart stehen 14 antik anmutende Säulen, die in der Nazi-Zeit für die damalige Reichshauptstadt bestellt wurden. Ein Steinbruchunternehmen gleich nebenan hatte sie 1937 hergestellt, bestimmt waren sie für ein Denkmal auf dem Theodor-Heuss-Platz in Charlottenburg – damals benannt nach Adolf Hitler; dort wären sie Teil von Albert Speers monumentaler Ost-West-Achse geworden. Bloß abgeholt wurden sie nie.

Einen Hinweis vor Ort auf die Geschichte? Gibt es nicht. Harald Bodenschatz hat die Säulen aufgespürt – und seine Entdeckung fotografisch festgehalten. Das Bild ist eine von 20 Fotografien des Soziologen und Stadtplaners, die eine derzeit laufende Ausstellung im Werkbund Berlin zeigt. Anlass ist Bodenschatz’ 70. Geburtstag. Die Schau trägt den Titel „Hauptstadt und Diktatur“. Denn der Städtebau in den europäischen Diktaturen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der Umgang mit seinen Hinterlassenschaften sind die großen Themen des in Steglitz lebenden Forschers.

Harald Bodenschatz ist gebürtiger Münchner. Im September 1946 kam er in der bayerischen Landeshauptstadt zur Welt. Aber er ist Berlin seit Jahrzehnten verbunden. Schon zum Studium kam er hierher. 1986 habilitierte er sich an der TU Berlin. Sein Thema damals: die Berliner Stadterneuerung seit 1871. Später war er Professor für Planungs- und Architektursoziologie an der TU. Er beschäftigt sich vor allem mit dem faschistischen Italien, aber auch mit Architektur und Stadtplanung in der stalinistische Sowjetunion, im Spanien Francos, in Salazars Portugal und eben im nationalsozialistischen Deutschland.

Die Umgestaltung der Hauptstädte genoss in all diesen Diktaturen oberste Priorität, und die Verbindungen untereinander waren zahlreich. In der Ausstellung hängen denn neben Bildern aus Berlin auch solche aus Lissabon, Madrid, Moskau und Rom. Es ist eine Art Spurensuche, die zeigt, was geblieben ist vom diktatorischen Städtebau. Und überall stellt sich die gleiche Frage: Sollte man dieses Erbe Abreißen, Bewahren, Umwandeln?

Demonstration vom Macht

Auf einem der Fotos ist die Piazza Navona zu sehen, ein viel besuchter barocker Platz in Rom. Ein Teil der Piazza ist in seiner heutigen Form das Ergebnis von Abrissplanungen der 30er Jahre – mit den Altstädten wurde in den Diktaturen meist rücksichtslos umgegangen. Und auch die deutsche Hauptstadt bildete keine Ausnahme. Ein großer Teil des alten Berlins sollte nach den Plänen der Nazis Platz machen für gewaltige Verkehrsachsen und neue Bebauung.

Eine andere Parallele war der Bau von Universitätsstädten, in denen die Regime eine neue Elite heranziehen wollten. Bodenschatz zeigt dazu die Ingenieurwissenschaftliche Hochschule in Lissabon, eine von drei bedeutenden Hochschulen Portugals, die unter Staatsführer Salazar neu gebaut oder grundlegend erneuert wurden. In Berlin wurde eine Universitätsstadt geplant, jedoch nie realisiert.

Mit den umgestalteten Städten ließ sich nicht zuletzt Macht demonstrieren – selbst wenn die Regime sich in ihrer Propaganda anti-urban gaben. Deutschland, Italien und die Sowjetunion zählt Harald Bodenschatz zu den „hegemonialen Diktaturen“, die die Architektur in den anderen Ländern beeinflussten, während Spanien und Portugal eher abhängig waren von Experten und Ideen aus dem Ausland. Zum Beispiel stand Berlin mit seinen Anlagen für die Olympischen Spiele von 1936 Pate für eine westlich von Lissabon gelegene Sportstadt, die 1944 eröffnete. Viele von Bodenschatz’ Fotografien sind auf den ersten Blick unspektakulär. Umso eindrücklicher fällt der Aha-Effekt aus, sobald man die jeweilige Erklärung gelesen hat. Das schwierige Erbe ist eben nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Auch nicht in Berlin.

Eines der Fotos zeigt das Schild für den Guernicaplatz an der Spanischen Allee in Zehlendorf. Die Allee hieß bis 1939 Wannseestraße, sie wurde nach dem Einsatz der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg umbenannt, einer Einheit der Wehrmacht, die an der Zerstörung der Stadt Guernica beteiligt war. Um an die dunkle Geschichte des Straßennamens zu erinnern, wurde 1998 eine Kreuzung an der Spanischen Allee nach Guernica benannt. „Das erklärende Gedenkschild wird langsam durch das ungepflegte Gestrüpp überwuchert“, kommentiert Bodenschatz lakonisch unter seinem Foto.

Werkbund Galerie, Goethestraße 13. Geöffnet Montag bis Freitag 15 bis 18 Uhr, bis zum 30. September. Telefon 313 85 75, www.werkbund-berlin.de

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