Berlin-Marathon : Das kühle Wetter half den Läufern

Die Temperaturen waren eigentlich ideal für einen Marathon. Das einzige Problem sei der Regen, sagen Sportmediziner. Rund 580 Mal musste bei den Marathonläufern medizinische Hilfe geleistet werden.

Laura Blecken

Als am Sonntagmittag die ersten vom Wetter gebeutelten Marathonläufer durchs Brandenburger Tor dem Ziel entgegenrannten, gab selbst der Moderator am Mikrofon zu: „Regen, Nässe, Kälte – all das, was man sich als Läufer gerade nicht wünscht, ist eingetreten.“ Aber war das Wetter am Sonntag wirklich so alptraumhaft? „Wind hatten wir fast gar nicht, und die Temperatur von 15 bis 16 Grad ist eigentlich optimales Läuferwetter“, sagt Jürgen Lock, Sportwissenschaftler und Organisator der medizinischen Maßnahmen beim Berlin-Marathon. Das einzige Problem sei der Regen. Denn der Körper muss die kalte Nässe auf der Haut gegenregulieren – und das verbraucht Energie. „Deshalb waren sicherlich keine Spitzenzeiten zu erwarten“, sagt Lock. Vor allem die Wadenmuskulatur, die beim Rennen nicht nur dem Regen, sondern auch dem kalten Laufwind ausgesetzt ist, würde stärker belastet, was häufig zu Krämpfen führe, so Lock.

Neben Krämpfen plagen oft auch Blasen die Läufer, die in nassen Schuhen rennen mussten. „Deshalb raten wir den Teilnehmern, sie sollen sich zwischen den Zehen mit Vaseline eincremen“, sagt Lock. Generell seien alle Reibestellen am Körper bei Regen erhöhter Belastung ausgesetzt. Männer scheuern sich beim Rennen im nassen T-Shirt leicht die Brustwarzen auf. Dagegen hilft laut Lock entweder Vaseline – oder Pflaster. „Die erfahrenen Läufer wissen das und kleben sich die Brustwarzen schon vorher ab“, sagt Lock. Für alle anderen gab es in den Sanitäterzelten neben Blasenpflastern und Vaseline auch Pflasterband. Damit die Läufer nach der Anstrengung nicht auskühlten, bekam jeder, der durchs Ziel lief, eine große, gelb-grüne Plastikplane zum Einhüllen.

Krämpfe, Blasen und aufgescheuerte Brustwarzen sind für Lock aber nur „Bagatellen“. Bis zum Sonntagabend leisteten die rund 300 Ärzte, Rettungssanitäter und Physiotherapeuten rund 580 Mal Hilfe. Das mit Abstand schwerste Ereignis sei eine erfolgreiche Reanimation gewesen, sagt der medizinische Direktor Lars Brechtel: „ Wegen der kühlen Temperaturen hat es relativ wenige Herz-Kreislauf-Probleme gegeben“.

Das tröstete den Läufer Nacho Lacarte wenig. „Ich hasse Regen und ich hasse Wind“, sagte der 46-jährige Spanier nach dem Rennen und zog seine Plastikfolie eng um sich. Er und seine Frau waren aus Huesca in Nordspanien gekommen, um den Berlin-Marathon zu laufen. Mit seinem Ergebnis von dreieinhalb Stunden war Lacarte aber zufrieden, genauso lange habe er vor zwei Jahren für den Marathon in Rom gebraucht.

Dass man aus dem Regen auch kurzfristig Nutzen ziehen kann, bewies Peter Müller: Er verkaufte hinter dem Brandenburger Tor bunte „Not-Ponchos“ aus Plastikfolie, für zwei Euro das Stück. Als er am Sonnabend in einem Zelt Bier ausgeschenkt hatte, sei ihm spontan die Idee gekommen. Das Geschäft laufe gut und „die Leute sind ganz begeistert drüber“.

Einen Poncho musste sich Petra Neye nicht kaufen, die Berlinerin aus Prenzlauer Berg stand gestern unter einem selbst bemalten Regenschirm hinter der Absperrung, um ihren Vater Gerhard anzufeuern. „Der läuft den Marathon schon zum 20. Mal“ sagte die 33-Jährige stolz. Den Regenschirm, auf dem – schon leicht verlaufen – die Startnummer von Gerhard Neye steht, hat sie in jedem Jahr dabei – auch bei gutem Wetter. Damit ihr Vater sie in der Menge erkennt. Laura Blecken

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben