Berlin : Berlin-Marathon: Laufmaschen

Thomas Loy

Seit kurzem verkündet ein Werbeplakat - sinngemäß: Der Unterschied zwischen Joggen und Laufen beträgt 42,195 Kilometer. Ein Hinweis, dessen Nichtbeachtung den ersten, ohne vorheriges Training von Marathon nach Athen joggenden Marathonläufer das Leben kostete. Der moderne Jogger betrachtet den Marathonlauf deshalb mit einer gesunden Skepsis. Doch auch die Familie der Jogger gliedert sich in mehrere Arten.

Der Stadtjogger kommt relativ selten vor. Wir treffen ihn an der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg. Er heißt Chris, sieht aus wie ein Paradiesvogel und ist mit seinem Laufkumpan Clemens gerade auf dem Rückweg vom Schloss Charlottenburg. Rund zwei Stunden und 15 Minuten hat die Tour gedauert. Manchmal läuft das Duo auch in den Wedding zum Humboldthain oder nach Tegel oder macht einen Abstecher zum Kanzleramt. "Soll ja nicht langweilig werden", sagt Chris. Schließlich mache man das alles in erster Linie zum Genuss. Das Ziel sei "ein guter Lauf". Marathon? Zu verbissen.

Der Parkjogger ist die häufigste Unterart des modernen Joggers. Er ist in fast allen Berliner Parkanlagen unterwegs, meist als Einzelgänger. Wir treffen ihn bei Dehnübungen am See im Volkspark Friedrichshain. Hören wir mal rein: "Vor zwei Jahren bin ich beim Marathon mitgelaufen. Heute ist mir das zu kommerziell. Es geht nur noch um den Besten und den Schlechtesten und den Ältesten. Wo ist denn da der Sport? Was ist denn mit der Mittelschicht? Was ist denn mit dem Arbeiter?" Cetin Kocadag ist Kfz-Mechaniker und ziemlich in Rage über die Vermarktung, die Sponsoren und die Medien. Seine 130 Kilometer in der Woche läuft er in den Weddinger Rehbergen ab. Parkjogger ist er wegen der guten Luft und der Umgebung: "Da kann man abschalten." Bis jemand kommt und arglos "Marathon" sagt: "Die laufen durch die Stadt wie die Affen."

Der Mauerstreifenjogger gehört zur Gattung der Parkjogger. Jeanett Fitze und Rob Meek traben gerade über die Fußgängerbrücke am künftigen Nordkreuz. Jeden zweiten Tag machen sie das eine Stunde lang. Wie weit sie in der Zeit kommen, wissen sie nicht. Der Mauerstreifen bietet ein schönes Panorama und ist nah an ihrer Wohnung. Ansonsten laufen sie "nur so, um fit zu sein."

Der Waldjogger liebt Ruhe und Einsamkeit. Oder auch nicht. "Im Wald trifft man auch Leute", sagt Rainer Hohmut. Die begrüßen sich mit dem Victory-V. Joggen ist für ihn die optimale Stressbewältigung. Da wäre man ja blöd, im Pulk auf ein Ziel zuzurennen, das 42 Kilometer weit weg liegt. Jetzt ist Rainer zum ersten Mal mit seinem Bruder Jürgen im Jahnstadion an der Schönhauser Allee. Jürgen: "Er findet das doof hier."

Der Stadionjogger wird oft als stupider Langweiler stigmatisiert. Jürgen Hohmuth fand das Im-Kreis-Laufen selbst "lange doof". Doch mit der Zeit bildete sich ein fester Stamm Getreuer heraus, die sich nett grüßen, mal die Zeiten aufschreiben und bei der Dressur des inneren Schweinehunds mithelfen. Das Jahnstadion biete zudem einzigartige Sonnenuntergänge. Gegen Abend trippeln, wackeln, federn und hopsen rund 50 Jogger über die Bahnen. Auffallend gazellenhaft bewegt sich zwischen ihnen ein langgestreckter Mensch in einwandfreier Profi-Jogging-Kleidung. Endlich ein Treffer: Silvio Nohke, Student und Triathlet, wird am Sonntag mitlaufen, Startnummer 2584. Anderthalb Stunden hat er gerade ohne erkennbare Erschöpfung hinter sich gebracht. Der Berlin-Marathon ist sein vierter Marathon in diesem Jahr. Nohke ist kein Jogger, sondern Läufer. Ein Stadionläufer, der vor keiner Distanz Angst hat, aber vor den Fußballern, die jetzt aufmarschieren. "Die sind eindeutig zu laut, brüllen rum." In der Ablehnung grober Mannschaftssportarten stehen Läufer und Jogger wieder beisammen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar