Berlin-Marathon : Lauft doch durch Brandenburg!

Dieses Wochenende ist Marathon. An zwei Tagen wird deshalb die Innenstadt lahmgelegt – schon wieder. Unser Autor fühlt sich belästigt und fragt: Muss sich die Mehrheit das bieten lassen?

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Marathon? Not in my backyard!
Marathon? Not in my backyard!Foto: picture alliance / dpa

Das antike Griechenland hat viele unvernünftige Gestalten hervorgebracht, die Dummes taten und dafür mit dem Leben bezahlten. Einer baute sich Flügel aus Federn und Wachs, einer hielt es für eine gute Idee, Herakles die Frau auszuspannen, ein anderer dachte: Ach, kommt schon, bringt halt das Riesenholzpferd in die Stadt, wird schon okay sein. Zu Recht begreifen wir diese Geschichten des Leichtsinns als Warnung. Nur Pheidippides, einem übermotivierten Boten, der nach gewonnener Schlacht 42 Kilometer am Stück bis nach Athen sprintete, um dort tot zusammenzubrechen, ausgerechnet dem wollen viele nacheifern.

Marathonlaufen ist nicht gesund, sagen alle gescheiten Sportmediziner. Während sanftes, regelmäßiges Lauftraining Leben verlängert, gilt das Rudelspurten unter Wettkampfbedingungen als riskante Extrembelastung, die Knie, Sehnen und Herz schädigen kann.

Vor allem ist es eine Zumutung für die Mitbürger. Damit die Teilnehmer nämlich ungestört ihre Gesundheit gefährden können, wird großräumig und stundenlang die Innenstadt abgesperrt. Zehntausende müssen Autos und Fahrräder stehen lassen und riesige Umwege in Kauf nehmen. So wird es dieses Wochenende im Rahmen des „Berlin-Marathons“ an gleich zwei Tagen sein – am Sonnabend nerven die Skater, am Sonntag die Läufer.

Firmenlauf, Volkslauf, Herbstlauf, Wen-interessiert's-Lauf...

Wäre es die einzige Großveranstaltung des Jahres, man könnte sie tolerieren. Leider gibt es aber auch noch mehrere Halbmarathons, dazu Radrennen, Mannschafts- und Firmenläufe, den Herbstlauf, den Volkslauf, den Wen-interessiert’s-Lauf ... Und jedes Mal werden unbeteiligte Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt.

Warum müssen solche Strecken eigentlich immer durchs Zentrum führen – warum laufen die Teilnehmer nicht durch Brandenburg? Na klar: weil sie dort weniger beklatscht würden. Das ist ja das Schöne am Marathon. Für eine Leistung, die keines besonderen Talents bedarf, nur der Bereitschaft zur Strapaze, feiern einen zahllose Fremde am Straßenrand. Das schmeichelt dem Ego und gibt das Gefühl, etwas Großes zu vollbringen. Man kann es den Teilnehmern nicht übel nehmen, dass sie diesem Reiz erliegen. Wären in meinem Fitnessstudio dauerklatschende Zuschauer mit Trillerpfeifen abgestellt, ich ginge sicher auch öfter zum Training.

Lauflobbyisten argumentieren gern, für Demonstrationen würden doch ebenfalls Straßen gesperrt. Schräger Vergleich. Erstens ist die Versammlungsfreiheit im Grundgesetz verankert, das Recht auf Schweiß und Knieschäden dagegen nicht. Zweitens wird bei Demonstrationen nie über Stunden die gesamte Route abgesperrt, sondern nur der Abschnitt, in dem sich der Protestzug gerade befindet. Kreuzbergs „Revolutionäre Erste-Mai-Demo“ ist so gesehen sozialverträglicher als ein Marathon.

Mancher Ordner schikaniert gerne Fußgänger

Und dann die Ordner. Manche sind überheblich, spielen sich auf, lassen Fußgänger nicht mal die Straße überqueren, wenn sich aktuell gar kein Läufer in Sichtweite befindet – einfach aus Prinzip. Die Veranstalter des Berlin-Marathons behaupten, die Anweisungen der Ordner hätten nur „empfehlenden Charakter“. Das stimmt so aber nicht. Wie die Berliner Polizei auf Anfrage bestätigt, wird dem Veranstalter „das Hausrecht für die beantragten Bereiche des Marathons übertragen, einschließlich der Gehwegbereiche beidseitig der Streckenführungen“. Die Ordner üben stellvertretend für den Veranstalter das Hausrecht aus – und dürfen Passanten sogar körperlich am Überqueren leerer Straßen hindern, um sie anschließend wegen Hausfriedensbruchs anzuzeigen.

Muss sich die Mehrheit das bieten lassen? Ist es wirklich sinnvoll, dass der Staat regelmäßig sein Hausrecht an private Veranstalter überträgt? Ließe sich die Zahl der Massenläufe durch Innenstadtbereiche nicht wenigstens auf zwei oder drei pro Jahr begrenzen?

Pheidippides, den Boten, dürfte es übrigens tatsächlich gegeben haben, der Geschichtsschreiber Herodot hat über ihn berichtet. Nur die 42 Kilometer von Marathon nach Athen, die ist Pheidippides nachweislich nie gelaufen. Er war ja nicht verrückt.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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