Berlin-Mariendorf : Nazi-Symbole im Gotteshaus

Bei der Einweihung sang man Lieder der Nazis, Kacheln zeigen Soldatenköpfe neben Heiligen: Eine Kirche in Mariendorf ist ein einzigartiges Relikt aus dem "Dritten Reich“. Jetzt sucht die Gemeinde einen Nutzer für den Bau.

Claudia Keller,Johannes Radke
Lutherkirche
Kirche als Propagandaraum -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

So etwas wie die Martin-Luther-Gedächtniskirche in Mariendorf gibt es kein zweites Mal in Deutschland. Denn das Gebäude zeigt wie sonst kein Gotteshaus, wie die Propaganda der Nationalsozialisten in den 30er Jahren auch in die evangelische Kirche eingedrungen ist. Das macht die Mariendorfer Kirche interessant und ist gleichzeitig ihr großes Problem. Denn das denkmalgeschützte Gebäude, in dem Jesus neben einem uniformierten SA-Mann abgebildet ist, kann man nicht einfach abreißen. Andererseits muss das Gebäude dringend saniert werden, wozu weder die Gemeinde noch die Landeskirche Geld haben.

Eine Lösung des Dilemmas erhoffen sich die Mariendorfer Protestanten jetzt von einem Investor, der 3,5 Millionen Euro in das Gebäude stecken und daraus eine kulturelle und soziale Einrichtung oder ein Bildungshaus machen soll. Um einen solchen finanzkräftigen neuen Nutzer zu finden, hat die Gemeinde ein Interessenbekundungsverfahren eröffnet, das sie heute der Öffentlichkeit vorstellt. Auch den Verkauf des Gebäudes will die Gemeinde nicht ausschließen. Aber Pfarrer Hans-Martin Brehm hält nicht viel von der Idee, zu verkaufen. Er wünscht sich eine Stiftung zur Erhaltung der Kirche, um weiterhin Projekte in den Kirchenräumen veranstalten zu können, die bewusst die nationalsozialistische Vergangenheit des Hauses thematisieren. „Geschichte darf nicht einfach verschwinden“, sagt er.

Neben christlichen Symbolen prangen im Innenraum Kacheln mit Köpfen von Soldaten und einem Reichsadler an den Wänden. Nur das Hakenkreuz darunter wurde sorgsam herausgemeißelt. „Alle verbotenen Symbole wurden nach dem Krieg natürlich entfernt“, sagt Pfarrer Brehm, der mit dunklem Bart und Lederjacke vor dem Altar steht. Seit vielen Jahren arbeitet er in der Gemeinde. Er kümmert sich nicht nur um die Mariendorfer Dorfkirche, in der jeden Sonntag der Gottesdienst stattfindet, sondern auch um die denkwürdige Martin-Luther-Gedächtniskirche. Dort gibt es nur Veranstaltungen zu besonderen Anlässen. Wie zum Beispiel im Januar den Gedenkgottesdienst zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Wenn Brehm hier seine Predigt hält, schauen die Kirchgänger auf eine Kanzel mit einem Relief von Jesus, umringt von Frauen und Kindern und einem SA-Mann.

Gut ein Viertel der evangelischen Gemeinden in Berlin war nazifiziert, ein Sechstel angepasst, und bestenfalls acht Gemeinden können als resistent bezeichnet werden, heißt es in einer Studie des Historikers Manfred Gailus zu Berliner Kirchen im Nationalsozialismus. So ist es auch zu erklären, dass die Martin-Luther-Gedächtniskirche, die sich Anfang der 30er Jahre im Bau befand, auf Drängen von Kirchenbauamtsleiter Curt Steinberg mit den zusätzlichen Nazi-Symbolen verziert wurde, bevor sie 1935 eingeweiht wurde. Beim Richtfest wurden statt Kirchenliedern das Deutschland- und das Horst-Wessel-Lied gesungen. Anschließend erklärte ein Vertreter der „Kreisleitung der Deutschen Christen“, das Reich Gottes müsse in das „Dritte Reich“ hineingebaut werden, dann werde Deutschland unüberwindlich sein.

„Unsere Vergangenheit ist keine Heldengeschichte“, sagt Pfarrer Brehm. Er sieht die Hintergründe der Martin-Luther-Gedächtniskirche aber nicht als Last, sondern als Herausforderung, sich mit dem Nationalsozialismus offensiv auseinanderzusetzen. Mit Jugendlichen aus der gegenüberliegenden Schule hat er im Sommer Projekttage durchgeführt und Zeitzeugengespräche in der Kirche organisiert. Er will den Besuchern klarmachen, wie gefährlich es ist, wenn rassistische und antisemitische Ideologien gesellschaftliche Normalität werden.

„Ein feste Burg ist unser Gott“, steht in altdeutscher Schrift im Vorraum. Auch dieses bekannte Zitat von Martin Luther haben die Nationalsozialisten für sich vereinnahmt. „Die Nazis haben sich Luther einfach als deutschnationalen Antisemiten zurechtgedreht“, sagt Brehm. Wo jetzt ein Relief von Luther zu sehen ist, befand sich früher angeblich das Gesicht von Adolf Hitler. Selbst die prachtvolle Kirchenorgel wurde von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke missbraucht. Sie wurde 1935 kurz vor ihrem Einbau auf dem Reichsparteitag in Nürnberg eingesetzt.

„Wie geht man damit um“, fragt der Pfarrer. Eine Antwort auf diese Frage versuchte die Wanderausstellung „Das Paradies der Volksgemeinschaft“ zu geben, die Brehm vor einigen Wochen in seiner Kirche zu Gast hatte. Auf großen Informationstafeln wurde über die rassistische Ideologie der „Volksgemeinschaft“ im Nationalsozialismus aufgeklärt. Das von der Europäischen Union geförderte Projekt des Dokumentationszentrums Prora ist in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften Prag und der Vereinigung der Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge Poznan entstanden. Weit über 1000 Besucher haben die Ausstellung besucht.

Regelmäßige Gottesdienste finden in dem Haus seit 2004 nicht mehr statt, weil sich der bauliche Zustand ständig verschlechtert hatte. Der marode Glockenturm wird von Gerüsten gestützt, für die die Gemeinde alleine 2000 Euro im Monat ausgeben muss. Um nicht weiter dem Verfall zuschauen zu müssen, sucht man nun aktiv nach einem neuen Nutzer. Am liebsten wäre der Gemeinde jemand, der die Kirche in eine Gedenk- und Bildungsstätte verwandelt. Dann könnte auch Martin Luther Gerechtigkeit widerfahren.

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