Berlin : Mehr Gentrifizierung wagen!

27.08.2011 13:19 UhrVon Nana Heymann

Als wäre früher alles besser gewesen: Veränderung muss nichts Schlechtes sein. Es ist gut, dass man den Kinderwagen bald wieder über die Kastanienallee schieben kann, ohne ständig in Schlaglöchern hängen zu bleiben.

Natürlich kann man es bedauern, dass dort, wo auf der Kastanienallee mal ein Spätkauf mit dem charmantem Namen „Koof im Kiez“ war, sich nun ein banales Modeschnickschnackirgendwasgeschäft befindet – in nostalgischen Momenten macht mich das auch traurig. Aber ist diese Veränderung wirklich schlimm? Gehört das nicht auch dazu? Viel trauriger, ja schlimmer sind jedenfalls die Klischees, die hier seit Jahren gepflegt werden.

Angeblich wird ja hier in Prenzlauer Berg alles gleichgemacht, genormt, nach den Vorstellungen und Wünschen wohlhabender Zuwanderer. Aber von dieser angeblichen Homogenität sehe ich: nichts. Da schlurft der Punk neben dem Geschäftsmann die Oderberger Straße hinunter, da spaziert die Mutter neben dem Rentner über den Helmholtzplatz, und in den Schönhauser-Allee-Arcaden sitzt der neu Zugezogene neben dem Einheimischen – oder eben dem, der sich nach ein paar Monaten in Berlin schon für einen hält und sich entsprechend benimmt. Das war vor zwanzig Jahren anders. Wer weiß, wie es in zehn Jahren ist.

Schrecklich ist heute diese beinahe militante Verteidigung der Verhältnisse von Anfang der Neunziger, geführt mit dem Schlachtruf „Gegen Gentrifizierung!“, immer öfter getragen von Hass. Der trifft mal einen guten, aber teuren Kaffee, mal einen schicken Kinderwagen: willkürlich, egoistisch, dämlich, gefährlich. Ist den Besitzstandswahrern eigentlich klar, dass sie selbst Gentrifizierer sind, Ur-Gentrifizierer gewissermaßen? Dass sie sich benehmen wie jene, gegen die sie sich abgrenzen wollen: die frisch Zugereisten und die Altbewohner?

Schwaben-Bashing ist hier inzwischen ein Breitensport, wer nicht mitmacht, wird mindestens schräg angesehen. Wer die Toleranz pflegt, für die Berlin angeblich steht, wer nicht einstimmt in die Klage über Zuzügler aus dem reichen Süddeutschland oder über reiche Zuzügler aus dem Ausland, über Verdrängung, Wandel und steigende Mieten, der steht in vielen Kreisen ganz schnell im gesellschaftlichen Abseits.

Gentrifizierung ist nicht nur schön. Es gibt Menschen, die darunter leiden. Wenn ältere Mitbürger nach Jahrzehnten ihren Kiez verlassen müssen, weil sie sich auf einmal die Miete nicht leisten können; wenn ein Ort sein Herz, seinen Charme verliert. Aber wer bestimmt, was das ist? Kann es nicht auch sein, dass der Wandel dazu führt, dass das ursprüngliche Herz, der ursprüngliche Charme eines Ortes wiederhergestellt wird? Und wissen diejenigen, die sich heute über Gentrifizierung erregen, wie es in Prenzlauer Berg vor zwanzig, dreißig Jahren aussah?

Viele von ihnen sind später gekommen, als es schon langsam besser wurde, schöner, sauberer. Dann aber beschlossen sie, dass es so bleiben müsse, genau so, wie sie es vorgefunden hatten. Sie wollen bestimmen, wie der Ort, an dem sie leben, auszusehen hat, welche Menschen dort zu wohnen haben und welche nicht, welcher Dialekt oder Akzent zu sprechen ist, wie viel Geld der Nachbar höchstens zu verdienen hat. Mit solchen Leuten will ich nichts zu tun haben.

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