Berlin : Mieterverein sucht leere Wohnungen

Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer sagt: Die Mietlage in Berlin ist entspannt, es gebe 100.000 leer stehende Wohnungen. Der Mieterbund bezweifelt das - und ruft dazu auf, leer stehende Wohnungen zu melden.

Ralf Schönball

Der Berliner Mieterverein hat wegen der zunehmenden Anspannung am Wohnungsmarkt Kritik am Senat geübt. "Die Zeichen der Zeit werden nicht erkannt", sagte Hauptgeschäftsführer Hartmann Vetter. Der Angriff zielt auf Aussagen der Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Diese hat wiederholt verkündet, dass "von einer angespannten Marktlage nicht gesprochen werden kann". Zum Beleg verweist ihre Verwaltung auf  108.000 Wohnungen, die seit mindestens sechs Monaten leer stünden. 28.000 von ihnen stehen seit mehr als 24 Monaten leer.

Die Senatsverwaltung begründet ihre Annahme mit Daten des Energieversorgers Vattenfall. Dieser hatte am 1. Juli 2008 die Zahl der Wohnungen gemeldet, für die es keinen Vertrag mit einem Stromkunden gibt. Daraus schließt die Verwaltung, dass diese Wohnungen am Markt angeboten werden, aber keinen Mieter finden.
Doch diese Annahme wird von vielen Experten bezweifelt. Denn die nackten Zahlen sagten nichts darüber aus, aus welchem Grund in den betreffenden Wohnungen kein Vertrag mit einem Stromlieferanten besteht.

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Leerstand. In Berlin-Mitte sind besonders viele Wohnungen unbewohnt. -Grafik: Investitionsbank Berlin


Als leer stehend würden auch solche Wohnungen gezählt, deren Mieter ihre Rechnungen nicht bezahlt hatten, ebenso wie die vielen Wohnungen, die gar nicht vermietet werden sollen. So weisen Experten der Investitionsbank Berlin darauf hin, dass auch in einigen guten Lagen der Stadt mehr Wohnungen leer stehen als im stadtweiten Durchschnitt. Eine Erklärung hierfür sei "sanierungsbedingter Leerstand". Hinzu kämen Wohnungen, die von ihren Besitzern verkauft werden sollen - das sei fast nur im unvermieteten Zustand möglich. Schließlich gebe es viele Wohnungen, die wegen Feuchtigkeitsschäden oder ihrer Lage in einem engen dunklen Hof nicht zu vermieten sind.

Nach Angaben von Vattenfall gab es am Stichtag 1. Juli 2008 rund 157.000 Wohnungen ohne Stromkunden. Das waren 8,3 Prozent aller Berliner Mietobjekte. Länger als sechs Monate blieben aber nur 5,7 Prozent aller Wohnungen ohne Stromabnehmer. Und nur 1,5 Prozent der Berliner Wohnungen (oder 28.000 Objekte) blieben 24 Monate vom Stromnetz abgekoppelt.

Der Berliner Mieterverein hat nun offiziell die Zahlen der Senatsverwaltung infrage gestellt und geht davon aus, dass weniger als 80.000  Wohnungen tatsächlich verfügbar sind, aber nicht vermietet wurden - jene Objekte, die mehr als sechs Monate, aber weniger als zwei Jahre leer standen. Deshalb hat der Mieterverein nun zu einer "Leerstandskampagne" aufgerufen. Die Berliner sollen leer stehende Wohnungen in ihrer Nachbarschaft melden. Auf diese Weise wollen die Mietervertreter belastbare Leerstandszahlen ermitteln. „Nur so können wir die wohnungspolitische Diskussion voranbringen“, sagte Hartmann Vetter.

Link: www.berliner-mieterverein.de

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