Berlin-Mitte : Das Lützow-Carré soll Ende 2017 fertig sein

Der Lützowplatz ist bald komplett – ein Wohn- und Bauprojekt entsteht. Der Abriss des früheren Sozialbaues von Mathias Ungers war umstritten.

von
Erst in die Tiefe, dann in die Höhe: Die beiden Garagengeschosse sind bereits weitgehend fertig.
Erst in die Tiefe, dann in die Höhe: Die beiden Garagengeschosse sind bereits weitgehend fertig.Foto: promo

Eine der prominentesten Brachen der Stadt verschwindet: Das Lützow-Carré, ein kombiniertes Wohn- und Geschäftshaus an der Westseite des Lützowplatzes, soll im 4.Quartal 2017 bezugsfertig sein. Bisher ist davon draußen noch nichts zu sehen. Doch hinter den Bauzäunen, die am Mittwoch für die Presse geöffnet wurden, geht es bereits zwei Stockwerke in die Tiefe; dort soll eine doppelgeschossige Tiefgarage entstehen. Bald werden sich darüber sieben Geschosse erheben, vorn zum Platz mit Räumen für Büros und Geschäften, seitlich zum Lützowufer und nach hinten mit insgesamt 128 Mietwohnungen gehobenen Standards.

Der Bauherr, die Münchener Dibag Industriebau, hat sich für dieses Projekt harsche Kritik anhören müssen. Genauer: für den Abriss des Gebäudes, das vorher dort stand. Es war ein Sozialbau-Wohnkomplex, den der berühmte Architekt Oswalt Mathias Ungers 1979 für die IBA 1987 entworfen hatte – Ausdruck seiner Idee, aus dem ummauerten Berlin ein „grünes Archipel“ zu machen und die historische Häuserstruktur zu durchbrechen. Die nach außen zum Verkehr hin abweisende Fassade versteckte eine vielfältige, umgrünte Wohnarchitektur mit einigen damals als revolutionär geltenden „Stadthäusern“.

Kritik in der Fachöffentlichkeit

Allerdings wurde Ungers’ Entwurf aus Kostengründen stark vereinfacht, und auch beim Bau wurde offenbar massiv gepfuscht. Dazu kam, dass aus der wenig geschätzten Randlage nach der Wende eine höchst attraktives Filetgrundstück geworden war. 2008, kurz nach dem Tod des Architekten, übernahm die Dibag das Gebäude im Rahmen einer Zwangsversteigerung und verwarf die mögliche Sanierung rasch zugunsten des Neubaus eines gemischten Wohn- und Geschäftshauses mit Hotel. Dies löste scharfe Kritik in der Fachöffentlichkeit aus, die die Zerstörung eines architektonisch bedeutenden Gebäudes zugunsten gesichtsloser, ökonomisch bestimmter Zweckarchitektur befürchtete und darin ein typisches Beispiel der neoliberalen Vertreibung von Sozialmietern aus der Innenstadt sah.

Die 100-Millionen-Ecke. Das Lützow-Carré soll Ende 2017 fertig sein.
Die 100-Millionen-Ecke. Das Lützow-Carré soll Ende 2017 fertig sein.Simulation: Dibag

Als der noch verbliebene vordere Gebäuderiegel zum Lützowplatz 2013 tatsächlich abgerissen wurde, hatte allerdings auch der neue Eigentümer umgedacht. Man wollte nun nicht mehr ein Drittel Wohnungen und zwei Drittel Gewerbe bauen, sondern das Verhältnis nahezu umkehren und auch die Hotelidee zu den Akten legen.

Das allerdings gab der existierende Bebauungsplan nicht her, und so musste das gesamte Planverfahren neu begonnen werden – letztlich der Grund für den jahrelangen Stillstand auf dem exponierten Grundstück. Dass es gelang, dieses Verfahren in nur zwei Jahren abzuschließen, sehen nun aber alle Beteiligten als Glücksfall, auch Mittes Baustadtrat Carsten Spallek äußerte sich sehr zufrieden über das Ergebnis, das er ebenso wie die Senatsbauverwaltung von Anfang an unterstützt hatte.

Über die Mieten schweigt das Unternehmen noch

Ende 2015 begannen die Arbeiten auf dem 7000 Quadratmeter großen Grundstück. Das gesamte Projekt, entworfen vom Büro Modersohn & Freiesleben in Berlin soll rund 100 Millionen Euro kosten und umfasst eine Geschossfläche von 24600 Quadratmetern. Es nimmt die historische, durch den Krieg zerstörte Struktur wieder auf und schließt das Gelände nach außen hin ab. Die Wohnungsgrunrisse werden variabel gestaltet: 64 der 128 Wohnungen werden zwei Zimmer haben, die anderen 64 drei bis fünf, und das bei Grundflächen zwischen 42 und 125 Quadratmetern – kein Luxuswohnen also, aber auch kein Sozialbau.

Über die Mieten schweigt das Unternehmen noch. Man biete mittlere bis hohe Qualität und werde dafür marktübliche Preise verlangen, sagte Dibag-Vorstand Reinhard Riedl. Seine Firma hat in ganz Deutschland bislang 1760 Projekte mit einer Nutzfläche von über 5,3 Millionen Quadratmetern realisiert.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

11 Kommentare

Neuester Kommentar