Berlin-Mitte : Fünf Mal zugestochen

"Mein Sohn ist ein Held", rief der Vater des Angeklagten. Sein 22-jähriger Sohn soll einen Touristen aus Australien schwer verletzt haben. Für Notwehr sahen die Ermittler keinen Hinweis. Gestern begann der Prozess.

Kerstin Gehrke

Der Australier Caleb Luke C. war mit einer Reisegruppe auf Europatour – drei Monate lang. Sein Berlin-Aufenthalt aber endete auf der Intensivstation. Vor einem Imbiss in der Rosenthaler Straße in Mitte wurde der Tourist niedergestochen. Eine Tat, die aus Sicht der Ermittler ein junger Berliner beging, der als Intensivtäter geführt wird. Gestern begann der Prozess gegen Julian M.

Versuchter Totschlag, lautet der Tatvorwurf. Als der 22-Jährige M. auf den Zuhörerbänken einen schlanken Mann im hellen Anzug entdeckte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Der Herr stellte sich später als Vater von Julian M. vor und hielt vor dem Gerichtssaal eine flammende Verteidigungsrede. „Mein Sohn ist ein Held“ und „Wir sind eine ehrenvolle Familie“, rief der Italiener. Sein Sohn sei mit einer abgebrochenen Bierflasche angegriffen worden.

Für Notwehr aber sahen die Ermittler keinen Hinweis. Caleb Luke C., ein 25 Jahre alter Elektriker, war in der Nacht zum 18. Juli letzten Jahres mit zwei Männern aus der Reisegruppe unterwegs. Eine „Nachttour“, bei der auch getrunken wurde. Gegen zwei Uhr betraten sie den Imbiss „All-in-one-Döner“. Dort trafen sie auf den Charlottenburger Julian M., der mit drei Freunden unterwegs war. Es kam zu einem Wortwechsel, bei dem Pöbeleien fielen, die in eine Rangelei übergingen. Auch Tische sollen geflogen sein. Vor dem Imbiss soll Julian M. dann ein Messer gezogen haben. Fünf Mal stach er laut Anklage zu, immer in den Oberkörper. Als Caleb Luke C. zu Boden gegangen war, ergriff Julian M. die Flucht. Die Australier riefen ein Taxi und brachten den lebensgefährlich Verletzten ins Krankenhaus. Er konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden.

Auch Julian M. soll in ein Taxi gestiegen sein. Er hatte eine blutende Wunde an der Hand, die er umgehend ärztlich versorgen lassen wollte. Dass er in ein Taxi stieg, hatten Zeugen beobachtet – das wiederum wurde zu einer heißen Spur für die Ermittler. Als Julian M. als mutmaßlicher Messerstecher ermittelt war, hielt er sich bereits bei Verwandten in Sizilien auf. „Ein ganz normaler Urlaub“, verteidigte ihn sein Vater, nach eigenen Angaben Architekt. Warum sein Sohn im September immer noch in Italien war? „Er wollte sich dort für eine Schule anmelden“, sagte der Vater.

Anfang 2004 war Julian M. zu einer Gesamtstrafe von zweieinhalb Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung in vier Fällen und Diebstahls mit Waffen verurteilt worden. Da war er 17 Jahre alt. Einen Beruf hat er nicht gelernt. Schuld daran sei nicht sein Sohn, nahm Vater Francesco M. seinen Jungen in Schutz. Von Julian M. war am ersten Prozesstag noch nichts zu hören. Er will sich später äußern.

Caleb Luke C. soll wie die beiden anderen als Zeuge nach Berlin kommen. Der Ausländer ist jedoch nicht verpflichtet, zum Termin zu erscheinen. Es steht ihm offen. Das Gericht hat ihn bereits angeschrieben. Der Prozess ist zunächst bis Ende September terminiert. Kerstin Gehrke

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