Berlin-Mitte : Seniorenheim am Hackeschen Markt droht Abriss

Das Seniorenheim am Hackeschen Markt, gerade 18 Jahre alt geworden, könnte bald abgerissen werden. Der Betreiber Pro Seniore nimmt's gelassen.

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Die Seniorenresidenz Pro Seniore vis a vis der Hackeschen Höfe in Mitte.
Die Seniorenresidenz Pro Seniore vis a vis der Hackeschen Höfe in Mitte.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Eine Frage, die ihre Antwort gleich mitliefert: „Pro Money schlägt Pro Seniore?“ Das ist der beredte Titel einer Anfrage des BVV-Verordneten Frank Bertermann aus Mitte. Der Grünen-Politiker möchte Details eines Bauprojekts erfahren, das schlaglichtartig zeigt, wie schnell sich die Preisspirale am Berliner Immobilienmarkt inzwischen dreht. Zumindest in Mitte, am Hackeschen Markt. Dorthin zieht es täglich tausende Touristen, auf den Spuren des Berlin-Mythos und seiner sagenhaften Pracht der goldenen 20er Jahre. Cafés, Boutiquen und Designshops schöpfen die Urlaubskassen ab, Backshops und ein Edeka-Supermarkt versorgen die weniger Betuchten.

Und mitten in diesem symbiotischen Treiben der internationalen Berlin-Fangemeinde leben mehr als 200 betagte Menschen und genießen ihren Lebensabend. Im Haus „Pro Seniore“ an der Rosenthaler Straße. Doch nun soll es durch Pro Money ersetzt werden.

Der Bezirk muss über eine Bauvoranfrage entscheiden

Der Abriss des Hauses, das erst vor 18 Jahren errichtet wurde, ist Bestandteil einer Bauvoranfrage beim Bezirksamt Mitte. Der neue Eigentümer des Hauses, die D.C. Values, würde dort gerne drei neue Wohn- und Geschäftshäuser bauen, mit Läden, Restaurants, einem Supermarkt und hochpreisigen Wohnungen, die sich in Berlin immer noch gut verkaufen lassen. Mit den Entwürfen ist das renommierte Architekturbüro nps tchoban voss beauftragt. Bei Presseanfragen verweist das Büro auf den Eigentümer. D.C. Values allerdings schweigt bislang.

Gebaut für die Internationale Bauausstellung 1987, inzwischen abgerissen. Die Häuser am Lützowufer 20 und Lützowplatz in Berlin-Tiergarten, aufgenommen 2008.
Gebaut für die Internationale Bauausstellung 1987, inzwischen abgerissen. Die Häuser am Lützowufer 20 und Lützowplatz in...Foto: Thilo Rückeis

Mittes Baustadtrat Carsten Spallek (CDU), vielbeschäftigt, beantwortet eine Tagesspiegel-Anfrage in äußerster Kürze: Wurde die Bauvoranfrage schon genehmigt? „Nein.“ Gibt es noch eine Möglichkeit, den Abriss zu verhindern? „Nein.“ Der Betreiber des Seniorenheims weiß nach eigenen Angaben von nichts.

Mietverträge mit Pro Seniore seien "wasserdicht"

„Ein Konzept wurde uns nicht vorgestellt, deshalb machen wir uns auch keinerlei Sorgen. Die Bewohner unserer Einrichtung können sicher sein, dass ihre Interessen in jedem Fall gewahrt bleiben“, erklärt Peter Müller, Sprecher von Pro Seniore, per Mail. Und: „Über eine Beendigung des Mietverhältnisses wurde nie konkret gesprochen oder verhandelt.“ Auf Nachfrage gibt sich Müller absolut tiefenentspannt. Mögliche Baupläne bezeichnet er als „Visionen“. Der Mietvertrag mit dem Eigentümer sei „wasserdicht“ und erlaube eine langfristige Planung. Die Miete sei seit 1998 gestiegen, aber „so, dass wir damit leben können.“

Eine Bauvoranfrage ist noch kein Bauantrag. Jeder kann mal abfragen, was das Baurecht auf einem Grundstück so hergibt, auch wenn er das Grundstück noch gar nicht besitzt. Wird die Voranfrage positiv beschieden, hat der Interessent oder Eigentümer einen Wertbeleg in der Hand, um das Grundstück zu erwerben bzw. zu verkaufen. Oder die Planung voranzutreiben.

Hartz-IV-Empfänger und Geringverdiener sind weggezogen

Pro Seniore betreibt noch elf weitere Häuser in Berlin, in die die Bewohner umziehen könnten, dennoch wäre der Umzug auch eine Art Verdrängung älterer Menschen aus ihrem angestammten Kiez. Den Abriss des intakten Hauses könnte allenfalls eine Milieuschutzsatzung verhindern, aber die gibt es hier nicht. Die Gegend gilt schon als gentrifiziert, Hartz-IV-Empfänger und Geringverdiener sind längst weggezogen, es gibt kaum noch schützenswertes Milieu. In der benachbarten Oranienburger Vorstadt zwischen Tor- und Invalidenstraße wurde der Milieuschutz deshalb wieder aufgehoben. Die „soziale Erhaltungssatzung“ zum Schutz der angestammten Bevölkerung hatte sich auf längere Sicht als unwirksam erwiesen.

Auch in anderen Stadtteilen wird abgerissen

Auch in der Wilhelmstraße wird ein intakter Wohnblock, erbaut Ende der 80er Jahre, demnächst abgerissen. Weil die Mieter ebenfalls wasserdichte Verträge hatten, wurden sie mit hohen Abfindungen zum Auszug bewegt. In Tiergarten, am Lützowplatz, traf es Wohnhäuser, die Ende der 70er Jahre entstanden waren. Auch am Barbarossaplatz in Schöneberg sollen Mietshäuser verschwinden.

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