Berlin : Berlin, mon amour

Ihr letztes Chanson widmete Edith Piaf der unbekannten Stadt an der Spree

Andreas Conrad

Warum Berlin, wo sie nie war? Möglich, dass Edith Piaf während der im Frühjahr 1963 geplanten Deutschland-Tournee auch hier aufgetreten wäre, aber für deren Strapazen war sie schon zu krank. Und doch hatte sie in ihrem letzten Chanson eine wundervolle, von Hoffnung erfüllte, dann gescheiterte Liebe in Berlin besungen.

„Unter dem schmutzigen Himmel, der vor Langeweile weinte / Unter dem kleinen Regen, der auf ihn fiel / Er … der Mann von Berlin“ – es ist eine melancholische Szene, die die ersten Zeilen des Chansons entwerfen. Die Frau, die den „Mann von Berlin“ besingt, kam als Fremde an, in der Stadt, die genau richtig sei, „wenn man nichts mehr erwartet, / Wenn man alles ändern möchte“. Getroffen hat sie ihn „in der alten Vorstadt in der Mitte der Nacht“, glaubte, die neue Liebe sei für „ein ganzes Leben“, aber es war nur „eine Ewigkeit in wenigen Augenblicken“. Denn sie hat ihn wieder verloren, weil er „das Vergessen suchte“.

„Meine Chansons, das bin ich, das ist mein Fleisch, mein Blut, mein Kopf, mein Herz, meine Seele.“ Schon auf dem Sterbebett diktierte Edith Piaf ihre Autobiografie. Berlin erwähnt sie nicht, auch nicht ihr Chanson „L’Homme de Berlin“, das doch ebenfalls ihr Fleisch, ihr Blut, ihr Kopf, ihr Herz und ihre Seele war, denn nie sang Edith Piaf, der „Spatz von Paris“, Lieder, die ihr zufällig zugeflattert waren, stets wählte sie sorgfältig aus: „Entweder sie gehen mir unter die Haut, oder ich lasse es.“ So legt schon Piafs Werk nahe, dass die Berlinale mit dem ihr gewidmeten Biopic „La Vie en Rose“ eröffnet wurde, das heute in die Kinos kommt.

In Biografien findet man nur wenige Hinweise auf das Lied, auch das Piaf-Museum in Paris hat kaum Informationen. Der Text stammte, wie die Verse ihres Chansons „Les Gens“, von Michèle Vendôme, die Musik hatte Francis Lai geschrieben, langjähriger Begleitmusiker und Komponist der Piaf. Er wurde erfolgreicher Filmkomponist, gewann 1970 für die Musik zu „Love Story“ einen Oscar und schmeichelte sich später mit der Titelmusik zur Serie „Das Traumschiff“ in die Ohren des deutschen Fernsehpublikums. In „L’Homme de Berlin“ mögen sich Erinnerungen der Piaf an ihr bewegtes Liebesleben widerspiegeln, aktuell waren die geschilderten Erfahrungen für sie damals aber nicht. 1962 hatte sie den 20 Jahre jüngeren Sänger Théo Sarapo geheiratet, eine glückliche letzte Liebe. Da war sie schon schwer krank, dazu morphiumsüchtig, verlangte ihrem Körper Leistungen ab, zu denen er nicht mehr fähig war.

Im Februar 1963 stand sie noch einmal in der Pariser Konzerthalle Bobino auf der Bühne, soll „Les Gens“ und „L’Homme de Berlin“ vorgestellt haben. Nach ihrem letzten Auftritt, am 18. März 1963 in Lille, erlitt sie wieder einen Zusammenbruch. Trotzdem plante sie eine Tonbandaufnahme ihres Berlin-Chansons, wollte es für eine Übersetzung nach Deutschland schicken, um es auf ihrer Tournee dort deutsch singen zu können. Alle warnten sie, aber sie bestand darauf, und so kam es am 7. April zu ihrer letzten, erst fünf Jahre nach ihrem Tod veröffentlichten Aufnahme – „ein außerordentlich ergreifendes Dokument“, wie ihre Halbschwester Simone Berteaut sich erinnerte: „Von der großen Piaf ist nicht viel mehr als die Aura geblieben. Die Stimme ist verbraucht, bei jedem Wort muss sie nach Luft ringen. Es ist nicht gesungen, es ist nicht gesprochen, es kommt von ganz weit her, es ist erschütternd … und niemand außer ihr hätte es machen können.“

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