Berlin-Neukölln : Brückenbau im Heimathafen

Familienministerin Schwesig und Susanne Klatten, Vorsitzende der Herbert-Quandt-Stiftung, freuen sich im Heimathafen in Neukölln über bürgerschaftliches Engagement.

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Frauen für Ideen. Familienministerin Manuela Schwesig (links) und Stiftungsvorsitzende Susanne Klatten.
Frauen für Ideen. Familienministerin Manuela Schwesig (links) und Stiftungsvorsitzende Susanne Klatten.Foto: promo

Im Heimathafen Neukölln ist man auch im Dirndl goldrichtig angezogen. Schließlich ist das Volkstheater im ehemaligen Saalbau an der Karl-Marx-Straße ein Ort der Integration, eine Begegnungsstätte für Genres, Stile und Kulturen aus aller Welt und aus dem ganzen Land. Am Dienstag ehrte die Herbert-Quandt-Stiftung hier „Die besten Brückenbauer zwischen den Kulturen“. So lautete das Motto für den diesjährigen Ideenwettbewerb für Bürgerstiftungen in Deutschland. Den mit jeweils 12 000 Euro dotierten ersten Preis teilten sich Stiftungen aus Köln und Holzkirchen in Bayern, deren Abgesandte in Tracht auch optisch einen Eindruck von ihrer Lebenswelt gaben. In Holzkirchen gibt es freilich noch mehr Trachten, denn unter den 16 000 Einwohnern leben Menschen aus 78 Nationen. Mit zahlreichen Aktionen kreierte die dortige Bürgerstiftung ein großes Festival der Kulturen. Die Kölner Stiftung KalkGestalten hatte die Idee, Flüchtlinge und Zuwanderer über die Vermittlung von Ehrenämtern aktiv in die Gesellschaft einzubinden.

Familienministerin Manuela Schwesig gefiel das besonders gut, wie sie in ihrer Begrüßungsansprache sagte. Zwar könne bürgerschaftliches Engagement nicht der Reparaturbetrieb der Politik sein. Es werde einfach beides gebraucht, vor allem, weil bei den Bürgern oft gute Ideen entstünden, auf die man in der Politik erst viel später komme. Als Beispiel nannte sie ein Senioreneinkaufsmobil, das alte Menschen zum Einkaufszentrum bringt und zurück. Durch die Bürgerstiftungen werde die Kultur des Stiftens demokratisiert, weil sich die Menschen ganz pragmatisch vor Ort einsetzten. In ihrer Heimatstadt Schwerin habe sie das gerade am Beispiel des Theaters erlebt.

Die Stiftungsratsvorsitzende der Herbert-Quandt-Stiftung, Susanne Klatten, lobte den Heimathafen als „einen Kulturort für alle, die in Berlin ihre neue Heimat gefunden haben“. Auch ihre eigene Familie habe einen Migrationshintergrund, erzählte sie, selbst wenn der schon etwas weiter zurückreiche. Um 1700 kam die spätere BMW-Familie Quandt aus Holland, um sich als Tuchmacher im brandenburgischen Pritzwalk niederzulassen. Unter dem Bremer-Stadtmusikanten- Motto „Etwas Besseres als den Tod findest du allemal“ erinnerte sie an die Hugenotten, die nach Berlin kamen, an die Böhmen, an die Zeit, „als hier im Kiez tschechisch gesprochen wurde“. Heute sei die Nachbarschaft geprägt von türkischen und arabischen Läden, von Libanesen, die ihre eigene Heimat verlassen mussten und nach Berlin kamen. „Sie suchten etwas Besseres als den Krieg. Sie suchten einen Heimathafen.“ Der Aufbruch in ein neues Land sei nie einfach. Auf beiden Seiten brauche es immer Zeit, Geduld und viele Gespräche, bis aus Fremden Menschen werden, die sich verstehen, egal, ob sie aus Tschechien, aus Syrien, aus der Türkei oder eben aus Holland kommen.

Der Schriftsteller Ilija Trojanow nannte in seiner Festrede Multikulti „den Normalzustand kultureller Entwicklung“: Die Minnesänger seien Multikulti gewesen Goethe, Dürer und Mozart ebenfalls. So setzten die Redner im Laufe des Vormittags Neukölln an die Spitze der Kulturbewegung.

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