Berlin-Neukölln : Michael Müller entdeckt Neukölln

Hotels, Gewalt und Salafisten: Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey zeigt Michael Müller Neukölln. Der tut vor allem eines - zuhören.

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Das Hotel "ESTREL" an der Sonnenallee 225 in Berlin-Neukölln.
Das Hotel "ESTREL" an der Sonnenallee 225 in Berlin-Neukölln.Foto: Thilo Rückeis

Bildungsstaatssekretär Mark Rackles patscht sein Mosaiksteinchen mitten in die Klebemasse, der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) ist entsetzt: „Das kannste jetzt doch nicht einfach so... muss doch passen...“ Klick, da ist das Foto gemacht, und Müller hält sein Steinchen immer noch in der Hand.

Müller, der vorsichtige Zauderer, der erstmal nachfragt, bevor er zupackt. „So ist er eben, der Chef“ heißt es aus der Begleitcrew. Diese psychologisch interessante Szene spielt auf der Senats-Rundtour am Dienstag durch Neukölln. Alle paar Wochen reisen die Senatoren durch einen Bezirk, um die Probleme vor Ort besser kennenzulernen.

Neukölln ist beides: problembeladen und aufstrebend

Diesmal durfte Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD), ihren problembeladenen und zugleich aufstrebenden Bezirk präsentieren. Dabei trafen die Politiker auf Jogi Busch, einen ehrenamtlich werktätigen Vater, der aus Mosaiksteinchen den Schriftzug „Campus Efeuweg“ fertigt und beim S angekommen ist.

Eine tolle Foto-Gelegenheit. Müller stellt viele Fragen, verzichtet aber meistens darauf, die Antworten zu kommentieren. So ist er eben. Im Estrel-Hotel wird das Detail bekannt, dass Eigentümer Ekkehard Streletzki zwar die Flächen für den neuen Hotelturm an der Sonnenallee gekauft hat, aber nicht den stillgelegten Eisenbahntunnel unter der Straße.

Ein Tunnel soll in das Hotel führen

Der Tunnel soll künftig als Verbindung zwischen den Hotelstandorten dienen. So eine Gleistrasse unterhalb einer Straße könne man eigentlich gar nicht kaufen, sagt Hotelmanager Thomas Brückner. Da hilft nur Verhandeln, mit offenem Ausgang. Der Hotelturm mit 800 Zimmern und opulentem Ballsaal, das künftig höchste Gebäude der Stadt, soll trotzdem 2020 in Betrieb gehen. Soweit der Plan.

So sieht’s aus an der Sonnenallee. Am Ufer des Neuköllner Schifffahrtskanals soll das höchste Gebäude Berlins entstehen. 
So sieht’s aus an der Sonnenallee. Am Ufer des Neuköllner Schifffahrtskanals soll das höchste Gebäude Berlins entstehen. Foto: Promo/ Estrel

Müller nickt, schweigt, manchmal ist ihm ein „okay“ zu entlocken, aber es gibt auch ehrliches Erstaunen: „Jetzt im Ernst?“ Brückner hat gerade erklärt, dass es schon Veranstaltungsanfragen für 2025 gebe. So weit in der Zukunft spielt eben das Kongressgeschäft. Anders als die Politik. Müller zollt Respekt, bemängelt aber, die neue Kongresshalle habe kein Tageslicht. So als Redner und Delegierter auf Parteitagen sei es doch anstrengend, tagelang mit künstlichem Licht auszukommen.

Flüchtlinge als Azubis willkommen

Das Estrel ist seit geraumer Zeit auch Flüchtlingsunterkunft. Zehn Hotelzimmer seien mit 20 Flüchtlingen belegt, sagt Brückner, außerdem soll eine ehemalige Sozialunterkunft zu Familien-Wohnungen ausgebaut werden. Drei Asylbewerber sind derzeit als Praktikanten beschäftigt. Flüchtlinge seien auch als Auszubildende willkommen „Die können wertvolle Arbeitskräfte werden“, sagt Brückner.

Im nächsten Jahr will das Hotel eine Job-Messe für Flüchtlinge veranstalten. „Bei den Unternehmen in Neukölln gibt es eine riesen Resonanz.“ Weil es draußen nieselt, lässt Brückner den Tourbus der Senatsdelegation einfach ins Foyer der neuen Halle einfahren. Ein VIP-Service, den Müller nonchalant zur Kenntnis nimmt.

Al-Nur-Moschee: Hort der Salafistenszene

Giffey dagegen freut sich: „Das ist ja verschärft.“ Im Bus übernimmt die Bürgermeisterin die Regie, Müller hat sich nach hinten gesetzt. Es geht an der Al-Nur-Moschee vorbei, ein graubrauner Kasten im Britzer Industriegebiet, Hort der Salafistenszene. „Die würden wir gerne verbieten lassen“, sagt Giffey, aber aus der Senatsinnenverwaltung, die zuständig ist, kämen eher verhaltene Signale. Die Delegation im Bus schweigt, Innensenator Frank Henkel ist nicht mitgekommen.

Zigarettenfabrik Philip Morris, Kaffeerösterei Jacobs – neben dem Estrel zwei weitere Neuköllner Aushängeschilder, wenn es um Arbeitsplätze geht. Dann geht es weiter zu den Flüchtlingen an der Haarlemer Straße. Die temporäre Unterkunft für 400 Asylbewerber muss eigentlich zum Jahresende geschlossen werden, doch laut Giffey laufen die Verhandlungen mit dem Eigentümer vielversprechend.

Der Kontakt zu Schülereltern ist oft schlecht

Wahrscheinlich könnten sogar weitere Unterkünfte gebaut werden, denn Platz ist noch genügend vorhanden. Weiter geht’s zur Bildung in den Süden des Bezirks, Campus Efeuweg am Rande von Gropiusstadt, noch ein Prestigeprojekt des Bezirks, der zweite Campus nach dem Rütli-Projekt in Neukölln-Nord.

Am Efeuweg sollen ein Oberstufenzentrum, eine Gemeinschaftsschule, eine Kita, ein Jugendzentrum, ein Sportplatz und das Kombibad Gropiusstadt als integrierter Bildungsstandort entwickelt werden. Der Masterplan liegt vor, erste Neubauten sind entstanden, doch die Zäune zwischen den einzelnen Einrichtungen sind noch nicht gefallen.

Müller möchte wissen, was sich verändert hat in der Arbeit mit den Jugendlichen. „Früher gab es mehr Gewalt“, sagt der Leiter des Jugendzentrums. Inzwischen gehe es mehr um Schulprobleme, Arbeitsplätze und Stress mit den Eltern. Und komme man auch an die Eltern heran? „Sehr schlecht“, sagt der Leiter. Zuviele Eltern im Jugendzentrum würde auch bedeuten, dass die Jugendlichen nicht mehr kämen. „Okay, na gut“, sagt der Regierende. Keine Fragen mehr.

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