Berlin-Neukölln : Zu erfolgreich fürs Jobcenter

Der eine oder andere hat hier die Kurve gekriegt: Bei "Neukölln aktiv" schafften die schwierigsten Schulabbrecher den Abschluss. Nun wurde das Projekt eingestellt. Es passt nicht zur Behördenphilosophie.

Claudia Keller
230163_0_bed5de97
Simon. T. hat mit 21 Jahren bei "Neukölln aktiv" den Schulabschluss nachgeholt. -Foto: Steinert

Früh aufstehen, sich anstrengen, das war nichts für Simon Tyedners. Lieber hing er mit Freunden auf Neuköllns Straßen herum, klaute, nahm Drogen. Schon mit 13 Jahren schwänzte er die Schule, mit 16 brach er die Schule ab. Doch dann, mit 21 Jahren, hat Simon Tyedners die Kurve gekriegt. Innerhalb eines halben Jahres hat er den erweiterten Hauptschulabschluss nachgeholt. Er ist aus Nord-Neukölln nach Britz gezogen, hat neue Freunde gefunden und bewirbt sich nun um einen Ausbildungsplatz. Er steht früh auf, ist pünktlich und motiviert. Dass er ein neues Leben begonnen hat, liegt an den Lehrern und Sozialarbeitern von „Neukölln Aktiv“, die in den vergangenen eineinhalb Jahren erfolgreich jungen Männern, die von anderen Einrichtungen längst aufgegeben worden waren, zu Schulabschluss und Ausbildungsplatz verholfen haben.

Seit Juni ist Schluss mit dem Projekt. Das Jobcenter hat die Förderung eingestellt, die Arbeit von „Neukölln Aktiv“ passt nicht in die Strukturen der Bundesagentur für Arbeit und in die Philosophie des Bundesarbeitsministeriums. Der Erfolg des Projekts spielte keine Rolle.

Von den 43 Männern zwischen 17 und 25 Jahren, die an den zwei Durchgängen von „Neukölln Aktiv“ teilgenommen haben, schafften drei Viertel nach nur fünf Monaten den Hauptschulabschluss. Die Betreuung war intensiv, vier Lehrer und zwei Sozialarbeiter kümmerten sich um 23 Jugendliche; das Schulwissen wurde in kleinen Gruppen gepaukt. Am Anfang wurde Pünktlichkeit und gutes Benehmen trainiert, zudem galten klare Regeln: keine Gewalt, keine Waffen, keine Drogen. 13 Teilnehmer wurden rausgeworfen, weil sie sich nicht daran hielten.

„Die Atmosphäre hier war ganz anders als in der Schule“, sagt Simon Tyedners. „Die Lehrer haben einem die Dinge erklärt, bis man sie verstanden hatte, wenn es sein musste, auch nach der Schulzeit, am späten Nachmittag.“ Das Lernen in der Gruppe habe so viel Spaß gemacht, dass er gerne früh aufgestanden sei. Auf einmal sah er einen Sinn im Lernen, er verstand Zusammenhänge, hatte Erfolg und bekam Selbstbewusstsein. Den Abschluss bestand er mit 2,6. „Meine Mutter hätte fast geweint, so stolz ist sie“, sagt Tyedners.

Dass er bei Schwierigkeiten nicht aufgab wie früher, lag auch am Zusammenhalt der Gruppe. Und dafür waren das Fußballspielen, die Ausflüge, und ja, auch das Klettern wichtig. Am Anfang habe er sich gewundert, was das soll. Aber dann habe er begriffen, wie wichtig es ist, sich auf andere zu verlassen und wie schwer es ihm fiel. Hält der andere mich wirklich am Seil, wenn ich abstürze? Er hielt. Und das schweißte zusammen.

Genau diese Aktivitäten, die so wichtig sind, damit die Jugendlichen am Ball bleiben, sind dem Projekt zum Verhängnis geworden. Sie fielen bisher unter die „Sonstigen weiteren Leistungen“ (SWL) im Sozialgesetzbuch und wurden vom Jobcenter gefördert. Im Januar hat das Bundesarbeitsministerium die SWL gestrichen. Die Begründung: zu viel Missbrauch. Zur Berufsvorbereitung sollen nur noch Standardmaßnahmen wie Mathepauken oder der Kurs in der Schreinerwerkstatt bezahlt werden. Arbeitsmarktexperten schätzen, dass bundesweit 100 000 Projekte vor dem Aus stehen.

„Die neue Regelung erlaubt auch mal einen Sozialarbeiter, aber auf keinen Fall eine intensive Betreuung wie bei ,Neukölln Aktiv’“, sagt der zuständige Bereichsleiter im Jobcenter Neukölln. Er bedauert den Förderstopp, denn bei vielen Neuköllner Jugendlichen ohne Schulabschluss reichen die Standardmaßnahmen nicht aus. „Die Bundesagentur vereinheitlicht die Projekte, aber wir brauchen in Neukölln das Exotische“, sagt auch Gabriele Vonnekold (Grüne), Neuköllns Jugendstadträtin. Der Bezirk hat „Neukölln Aktiv“ mit 30 000 Euro pro Jahr zur Hälfte finanziert, mehr sei nicht möglich.

Maßnahmen wie „Neukölln Aktiv“ seien „der wichtigste Baustein für eine individuelle Arbeitsmarktpolitik“, sagt Arbeitsmarktexperte Stefan Sell von der Fachhochschule Remagen. Mit den normalen Instrumenten komme man an die schwierigste Gruppe unter den Arbeitslosen nicht heran. „Man muss an die Bundesregierung appellieren, ein erfolgreiches und von den Praktikern vor Ort gewünschtes Instrumentarium nicht abzuschaffen.“ „Neukölln Aktiv“ könnte sofort weiter arbeiten, es gibt eine Warteliste, der Erfolg hatte sich herumgesprochen. Der Projektleiter hofft, dass die Ämter doch noch eine Lösung finden. Erst im Oktober will er die Büros räumen. Claudia Keller

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben