Berlin : Noch 3000 Bomben liegen im Boden

Nach dem Fund eines Blindgängers in Mitte werten Experten zur weiteren Suche Luftbilder aus. Eines ist sicher: Der letzte Blindgänger im Berliner Boden war das nicht.

Jörn Hasselmann
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Eines ist sicher: Der letzte Blindgänger im Berliner Boden war das nicht, der am Freitagabend Mitte über Stunden lahmlegte. Experten der Polizei und der Bauverwaltung halten die Zahl von 3000 noch unentdeckten Weltkriegsbomben für realistisch – bis zu 3000 Mal könnte es also noch „Bombenalarm“ geben.

Knapp 500 000 Tonnen Sprengmaterial wurde im Zweiten Weltkrieg über Berlin abgeworfen, davon sollen 5 bis 15 Prozent nicht explodiert sein. Knapp 7500 Blindgänger haben die Feuerwerker seit 1947 unschädlich gemacht, wie viele es in den chaotischen Jahren 1945 und 1946 waren, ist nicht erfasst worden. Oft wurde damals auch gar nichts unternommen, wie bei der 250-Kilo-Bombe, die 2002 im Olympiastadion gefunden worden war, gleich neben der Eckfahne. Den Bombenkrater hatte man nach dem Krieg mit viel Beton verfüllt. Entdeckt wurde dies erst bei der Grundsanierung des Stadions.

Nur ein einziges Mal gab es in Berlin durch Blindgänger Tote: 1994 trafen Bauarbeiter beim Rammen einer Spundwand in der Pettenkoferstraße in Friedrichshain den Zünder einer Fünf-Zentner-Bombe. Drei Arbeiter wurden zerfetzt, 14 Personen teils schwer verletzt. In manchen Fällen half nur Glück. So 2003, als vor dem Bahnhof Friedrichstraße die Reste einer nicht explodierten Fliegerbombe entdeckt wurden. Arbeiter hatten sie zehn Meter weggezogen und sich auch nicht um das weiße Pulver – TNT – gekümmert, das in der Grube verstreut lag. Erst 26 Stunden später kam ein Vorarbeiter auf die Idee, die Polizei zu holen – der Sprengstoff musste am Ort zur Explosion gebracht werden.

Gewiss ist: Blindgänger können überall liegen. Zwar ist auf einer Karte des Kampfmittelräumdienstes des Senats das Gebiet innerhalb des S-Bahn-Ringes besonders tiefrot eingefärbt. Und auch die Ostbezirke gelten als besonders belastet, weil dort zu DDR-Zeiten nicht gezielt nach Blindgängern gesucht wurde. Erst nach der Wende begann auch dort eine systematische Suche, zum Beispiel im Müggelsee, in der Rummelsburger Bucht und im Plänterwald. Dabei wurden in den Jahren 2000 und 2002 die beiden spektakulärsten Blindgänger gefunden, mit denen sich die Polizeiexperten in den vergangenen Jahren beschäftigen mussten:  Luftminen mit bis zu zwei Tonnen Sprengstoff, sogenannte Wohnblockknacker.

In der Berliner Innenstadt sind Bauherren verpflichtet, Grundstücke vor Beginn mit Sonden absuchen zu lassen. Auch wer außerhalb des S-Bahnringes baut, kann im Archiv der Bauverwaltung die Aufnahmen der Alliierten einsehen. 200 000 Luftfotos der Briten und Amerikaner erhielt Berlin 1985, seitdem werden diese von Spezialisten systematisch nach Einschlägen ausgewertet. Doch die meisten Blindgänger kommen weiterhin durch Zufall zutage – vor allem bei Bauarbeiten. Durch den Bauboom nach der Wende stieg somit die Zahl der entdeckten Bomben beträchtlich an. 1990 waren es ganze 28, im Rekordjahr 2004 insgesamt 160.

Auch die beiden aktuell gefundenen Bomben tauchten zufällig auf. Wie berichtet, waren am vergangenen Mittwoch im Süden Zehlendorfs die Reste einer 250-Kilo-Bombe gefunden worden – und zwar beim Ausschachten einer Grube für einen Krankenhausanbau. Dieser Fund zeigt, dass die Gefahr auch am Stadtrand lauern kann. Ebenfalls außerhalb, am Hasenhegerweg in Buckow, ist 1983 zum bislang einzigen Mal ein Blindgänger von sich aus explodiert. Wie durch ein Wunder gab es nur Sachschaden. Der chemische Langzeitzünder hatte sich ausgelöst. Diese Gefahr ist das Hauptargument, weiter intensiv nach Blindgängern zu suchen.

Sechs „Feuerwerker“ der Polizei sind in Berlin für die Bombenfunde zuständig. „Entschärfer“ heißen dagegen die Spezialisten, die bei sprengstoffverdächtigen Koffern und bei Bombendrohungen gerufen werden.  Auf diese Unterscheidung legen beide Seiten wert. Während die Entschärfer einen fernbedienten Roboter losschicken können, müssen die Feuerwerker per Hand an die Bombe: Meist wird der Zünder mit einer Rohrzange vorsichtig herausgedreht.

Alle Blindgänger finden seit Jahrzehnten ihr Ende auf dem Sprengplatz Grunewald. Seit 1947 waren es etwa 1,8 Millionen Sprengkörper, meist kleinere Granaten oder andere Munition. Im Grunewald wird der Sprengstoff kontrolliert gezündet. Autofahrer kennen die Warnmeldungen aus dem Rundfunk, weil dann aus Sicherheitsgründen für wenige Minuten die nahe Avus gesperrt werden muss.

Auf dem Sprengplatz ist auch das einzige Unglück geschehen, bei dem ein Feuerwerker starb. 1957 explodierte eine Granate und tötete Polizeiobermeister Werner Stephan. Er hatte viel Erfahrung: Fünf Jahre zuvor hatte er für die 7000. Entschärfung den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland bekommen. Wie sich später herausstellte, war beim Herausschrauben des Zünders durch einen Grat im Gewinde ein Funken gesprungen. An den Unfall erinnert eine Gedenktafel – die heutigen Feuerwerker gehen dort jeden Tag vorbei. Ha

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