Berlin-Pankow : Kinder verwahrlosen fast ein Jahr allein in Wohnung

Eine 46-jährige Berlinerin soll ihre vier Kinder seit dem vergangenen Sommer in einer völlig verwahrlosten Wohnung allein gelassen haben. Verzweifelt und überfordert bat ihr zwölfjähriger Sohn das Jugendamt um Hilfe.

Berlin - Das Älteste der vier Kinder, ein zwölfjähriger Junge, habe sich verzweifelt an das Jugendamt gewandt und um Hilfe gebeten, teilte die Polizei mit. Seit fast einem Jahr müsse er seine drei kleineren Geschwister im Alter von acht, neun und elf Jahren alleine versorgen, da die Mutter bei ihrem Freund lebe. Er fühle sich mit der Situation völlig überfordert, sagte der Junge. Es sei ihm außerdem peinlich, dass die Wohnung so verwahrlost sei.

Wovon sich die Geschwister ernährt haben, war zunächst unklar. "Die allein erziehende Mutter hat sich nicht um die Wohnung gekümmert", sagte die Jugendamtsdirektorin von Pankow, Judith Pfennig. Gegen die Mutter werde wegen Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht ermittelt, teilte die Polizei mit. Drei der Kinder wurden nach Angaben des Jugendamtes bereits in Obhut genommen. Das vierte Kind wurde erst am Freitag von einer Klassenfahrt zurück erwartet.

Müllberge, Spinnweben und verfaulte Lebensmittel

In der Vierzimmerwohnung seien die Möbel bereits von Spinnweben überzogen gewesen, erklärte die Polizei. Im Kühlschrank fand sich eine undefinierbare, verfaulte und von Fliegen umschwirrte Masse. Die Küche sei offensichtlich seit Monaten nicht mehr benutzt worden, so die Polizei. Selbst das schmutzige Geschirr war voller Spinnweben. Kindgerechte Nahrung war nirgends zu finden. Die Toilette war völlig verdreckt und mit Kot bedeckt, der gesamte Fußboden der Wohnung von Müll, verschmutzter Wäsche und Lebensmittelresten übersät. Ein Zimmer war laut Polizei kaum zu öffnen, da sich hinter der Tür Müll und Unrat befand.

Die Familie war dem Jugendamt seit 1998 bekannt, sagte Pfennig. Weder den Amtsmitarbeitern noch den Lehrern sei aber die Verwahrlosung aufgefallen. "Die Kinder gingen regelmäßig zur Schule, waren nicht unterernährt und auch bei kaltem Wetter ausreichend gekleidet", sagte Pfennig. Die Kinder hätten sich wohl auf irgendeine Art ernähren können. Möglicherweise habe es doch einen Kontakt zu der Mutter gegeben. Kinder schützen laut Pfennig ihre Eltern häufig auch dann nach außen, wenn es ihnen nicht gut geht. "Sie machen alles, damit nicht klar wird, dass ihre Mutter keine gute Mutter ist."

In Berlin gab es in jüngster Vergangenheit mehrere schlimme Fälle von Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. 2006 hatte die Polizei eine Zunahme von Kindesmisshandlungen um 19 Prozent registriert, was nach Behördenangaben auch auf ein verändertes Anzeigenverhalten zurückzuführen ist. (tso/dpa)

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