Berlin: Präventionsprojekt "Kein Täter werden" : Charité-Therapie für junge Pädophile

Bislang werden in dem Präventionsprojekt vor allem alte Patienten behandelt. Justizminister Heiko Maas will klären, wie "Kein Täter werden" künftig finanziert werden soll.

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Justizminister Heiko Maas (SPD).
Justizminister Heiko Maas (SPD).dpa

Das bekannte Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ soll ab diesem September auf Jugendliche ausgeweitet werden. Das kündigte das Team um den Sexualmediziner Klaus Michael Beier an der Charité an. Bislang werden nur volljährige Patienten behandelt – und auch von diesen Betroffenen müssen viele auf einen Therapieplatz warten, weil die Mittel der Einrichtung begrenzt sind.

Pädophile Neigungen bilden sich im Jugendalter

„Den Bedarf für Jüngere gibt es aber ganz klar“, sagte Beier. „Bislang behandeln wir meist Männer um die 40 – das ist ziemlich alt.“ Pädophile Neigungen bildeten sich schon im Jugendalter heraus. Anders als bei den bislang üblichen Therapien müssten in diesen Fällen die Eltern der pädophilen Jugendlichen einbezogen werden.

Klaus Michael Beier ist Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité.
Klaus Michael Beier ist Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité.Mike Wolff

Das neue Projekt an der Universitätsklinik wird zunächst auf drei Jahre angelegt. Wie beim Stammprojekt auch soll es dafür Geld vom Bund geben: Man rechne mit 700 000 Euro vom Bundesfamilienministerium, hieß es. Noch zahlt mit 535 000 Euro im Jahr vor allem das Bundesjustizministerium unter Heiko Maas (SPD). Der Minister hatte die Projektstelle an der Charité am Montagabend besucht.

Justizminister Maas will bald in der Regierung über das Charité-Projekt reden

In den vergangenen Jahren haben allein in Berlin mehr als 2000 Männer bei den Psychologen und Ärzten des Projektes um Hilfe gebeten. Hinzu kommen Betroffene, die sich an die acht anderen Projekt-Standorte in Deutschland gewandt haben. Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, sollen dort lernen, ihre Neigung zu kontrollieren. Pädophile Fantasien bleiben oft ein Leben lang – um so wichtiger ist eine Verhaltenskontrolle. Bundesjustizminister Maas nannte die Präventionsarbeit beim Besuch an der Charité „sinnvoll und erfolgreich“. Er werde nach der Sommerpause in der Bundesregierung darüber sprechen, wie die Arbeit langfristig finanziert werden könne. Noch fließt das Geld nur als Projekthilfe – und Projekte sind ihrem Wesen nach irgendwann zu beenden.

Kriminalitätsprävention oder Gesundheitsfürsorge?

Seit Jahren debattieren Forscher und Fachpolitiker darüber, ob die Behandlung pädophiler Männer nicht Aufgabe der Gesundheitsfürsorge sei, sexuelle Neigungen suche sich schließlich kaum jemand aus. Noch wird die Arbeit der Charité-Experten eher als rechtspolitisch relevant aufgefasst, weshalb weder Bundesgesundheitsministerium noch Krankenkassen die Therapien bezahlen.

Ein Prozent der Männer haben auf Kinder gerichtete Fantasien

Rund ein Prozent aller Männer haben Studien zufolge auf Kinder gerichtete Fantasien. Nicht alle, die sich bei den bundesweit neuen Netzwerkstellen melden, kommen für eine Behandlung infrage: Womöglich wollen sie sich ohnehin nur über ihre Neigungen informieren, andere werden abgewiesen, weil sie sich in laufenden Verfahren vor Gericht als (vermeintlich) einsichtig profilieren wollen. Die freiwilligen Melder werden in Einzel- oder Gruppensitzungen behandelt. In einem Verhaltenstraining werden sie mit sexuellen Gefahrensituationen konfrontiert und sollen lernen, kontrolliert zu reagieren. Vor rechtlichen Konsequenzen müssen sie keine Angst haben. Die Therapeuten unterliegen weitgehend einer Schweigepflicht.

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