Berlin-Prenzlauer Berg : Was wussten die Kollegen in der Kita?

Nach Misshandlungsvorwürfen gegen eine Erzieherin mehren sich kritische Fragen zu den Umständen. Heute wird an der betroffenen Kita über die Folgen der Ereignisse beraten.

Spielzeug in einem Sandkasten in einer Kindertagesstätte.
Spielzeug in einem Sandkasten in einer Kindertagesstätte.Foto: Monika Skolimowska/dpa

„Mein zweieinhalbjähriger Sohn weint immer noch, wenn wir in die Nähe der Kita kommen oder wenn ich ohne ihn vor die Tür gehe“, sagt eine Mutter: „Und ich weiß immer noch nicht genau, was ihm angetan wurde, ob es beispielsweise eine normale Bockreaktion ist, wenn er beim Essen den Mund verschließt, oder die Folge einer Misshandlung“.

Der kleine Junge ging bis vor Kurzem in die Kita Gleimstrolche (Haus 1) in Prenzlauer Berg – in jene Gruppe, wo Kinder von einer Erzieherin misshandelt worden sein sollen (der Tagesspiegel berichtete).

Die inzwischen fristlos gekündigte Frau soll ihr anvertraute Mädchen und Jungen im Alter von wenigen Monaten bis drei Jahren mit Laken an Matratzen gefesselt und ihnen mit dem Finger Essen in den Mund gedrückt haben. Medienberichten zufolge bestreitet sie die Vorwürfe.

Erzieherin sofort fristlos gekündigt

Der Kita-Träger, die Kita-Aufsicht und auch die zuständige Senatsverwaltung für Bildung nehmen die Anschuldigungen, die von ehemaligen Mitarbeitern der Kita in der Gleimstraße erhoben wurden, allerdings nach eigenem Bekunden sehr ernst. Der Geschäftsführer der Kita-Trägergesellschaft Kubibe, Thilo Schwarz- Schlüßler, wies zugleich Vorwürfe zurück, wonach man zu spät auf die Anschuldigungen reagiert habe. Er könne sich aufgrund des laufenden Ermittlungsverfahrens nicht zu den konkreten Abläufen äußern. Man habe aber – nachdem die Tragweite der Misshandlungen klar geworden sei – der beschuldigten Erzieherin sofort fristlos gekündigt.

Außerdem habe man sofort Kontakt zur Kita-Aufsicht aufgenommen, um weitere Schritte zu beraten. Am heutigen Dienstag bleibe die Kita, in die insgesamt 120 Kinder gehen, deshalb geschlossen, um bei einem sogenannten Team-Tag mit den Mitarbeitern über das Geschehen zu beraten.

Haben die Kollegen weggeschaut?

Denn genau wie viele Eltern und die Öffentlichkeit stelle sich auch der Träger vor allem die Frage, wieso andere Kollegen nichts von den Misshandlungen bemerkt oder – noch schlimmer – nichts dagegen unternommen haben, sagte Schwarz-Schlüßler dem Tagesspiegel: „Man ist als Träger sehr stark von den Leuten vor Ort abhängig“.

Er wies zugleich Behauptungen zurück, wonach Personalknappheit zu den Misshandlungen geführt habe. Die Schlüssel für die Betreuung seien vom Senat vorgegeben und würden genau so auch eingehalten. Danach dürfe eine Erzieherin neun Kinder im Alter ab drei Jahren und sechs Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren allein betreuen. Allerdings werde beim Personalschlüssel Urlaub und Krankheit nicht eingerechnet, das müsse verbessert werden, sagte Schwarz-Schlüßler.

Das sei aber alles keine Erklärung oder gar Entschuldigung für die Vorkommnisse, falls sie sich so bestätigen sollten.

Überlastung ist keine Rechtfertigung

Sigrid Klebba, SPD-Staatssekretärin für Jugend und Familie, formuliert es noch klarer: „Eine personelle Überlastung kann nicht das Gewissen ausschalten“, sagte sie dem Tagesspiegel: „Durch eine Belastung kann man mal etwas vergessen oder übersehen, aber nicht jemanden fixieren oder zwangsfüttern“.

Die wichtigste Frage sei auch für sie, wieso andere Erzieherinnen so lange nichts bemerkt oder geschwiegen hätten. „Das hat auch was mit der Leitung zu tun“, sagte Klebba: „Die muss klar kommunizieren, dass man von allen Mitarbeitern erwartet, nicht wegzuschauen, sondern einzuschreiten, und wenn sich nichts ändert, die Leitung zu informieren.“

Für die eingangs erwähnte Mutter des Zweieinhalbjährigen ist klar, dass auch andere Erzieherinnen die Misshandlungen bemerkt haben müssen. „Die Räume sind doch nicht hermetisch abgeriegelt“, sagt sie: „Da sieht man ja, wenn Kinder zum Essen gezwungen oder an Matratzen gefesselt und diese dann mit ihnen zu Boden geworfen werden.“ Sie nimmt es den anderen Erziehern übel, dass sie ihr nichts gesagt haben: „Die haben mir am Nachmittag meinen Jungen übergeben, mir in die Augen gesehen und gemeint: Alles in Ordnung. Obwohl sie wussten, dass nichts in Ordnung war.“ Es tröstet die Mutter nicht im Geringsten, dass es auch anderswo in Deutschland immer wieder zu Misshandlungen in Kitas kommt.

Staatsekretärin Klebba will neue Beschwerdeverfahren

„Gerade in sozialen Institutionen muss man sich die Frage stellen, wie ein Klima entstehen kann, in dem Mitarbeiter, die gegen Missstände oder gar Misshandlungen vorgehen, als Nestbeschmutzer gelten“, sagt Staatssekretärin Sigrid Klebba: „Deshalb müssen Beschwerdeverfahren in solchen Einrichtungen unabhängig von der direkten Vorgesetzten-Situation möglich sein. Wir werden künftig darauf achten, dass entsprechende Konzepte schon bei der Beantragung der Betriebserlaubnis vorgelegt werden.

Die Verantwortung des Trägers, der Kita-Leitung und auch der Eltern selbst könne aber auch das nicht ersetzen, sagt Klebba. Letztere sollten zumindest stutzig werden, wenn ihr Kind bislang immer gern in die Einrichtung gegangen ist und das plötzlich nicht mehr tut, oder auch andere Verhaltensauffälligkeiten zeigt.

Viele Eltern wollten keine Presse

„Ich habe den Eindruck, dass einige Eltern sich jetzt vorwerfen, nichts gemerkt zu haben“, sagt die Mutter, die ihren zweieinhalbjährigen Sohn sofort aus der Kita „Gleimstrolche“ abgemeldet hat: „Ich kann jedenfalls nicht verstehen, dass sie ihre Kinder weiter in der Einrichtung lassen. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass Kitaplätze hier so knapp sind und dass man sich seine vermeintlich heile Welt nicht kaputtmachen lassen will.

Möglicherweise seien auch deshalb die meisten Eltern dagegen gewesen, die Presse einzuschalten, sagt die Mutter. Während einige bereits Anzeigen erstatteten und ihren Nachwuchs abmeldeten, hätten andere geäußert, dass Kinder anderswo auch hart angefasst würden. Oder dass eine etwas strengere Erziehung gar nicht so schlecht sei.

Erschreckend fand sie auch die Reaktion des Trägers, als sie den Kitaplatz ihres Sohnes am vergangenen Montag wegen Kindeswohlgefährdung kündigte. Man würde der vorzeitigen Kündigung zustimmen, erhielt sie zur Antwort: Man könne den Platz schließlich sofort wieder vergeben.

Am meisten habe sie aber die Reaktion einer Erzieherin schockiert, die sie auf der Straße gefragt hatte: „Wie können Sie nur bei alledem zugeschaut haben?“ Die Antwort lautete: „Ich habe jetzt Feierabend.“

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