Berlin-Reinickendorf : In der Flüchtlingskrise ist Oliver Twist topaktuell

"Ein Versprecher ist kein Weltuntergang": Reinickendorfer Amateurdarsteller proben für Musical „Oliver!“ und rufen zu Integration auf.

Gabriele Scherndl
Großer Auftritt.
Großer Auftritt.Foto:Thilo Rückeis

„Noch vor fünf Stunden war das hier voll mit Baugerüsten“, sagt Harald Fricke, als er auf die Bühne des Fontane-Hauses im Märkischen Viertel blickt. Derzeit wird das Gebäude teils umgebaut. „Aber bis zur Premiere am 1. Oktober wird schon noch alles fertig. Hoffe ich,“ sagt der Leiter der Musikschule Reinickendorf. Deshalb wird für „Oliver!“ - ein Musical, frei erzählt nach dem Charles Dickens-Roman - momentan auch im kleineren Nebenraum geprobt.

Generationsübergreifendes Schauspiel

Dort stellen die Darsteller gerade als Betrunkene eine Szene in einer Taverne nach. Manche von ihnen wissen noch gar nicht, wie es sich anfühlt, wenn der Alkohol zu Kopfe steigt, dennoch sind sie mit Begeisterung dabei. Die Mitwirkenden der Musikschule Reinickendorf sind zwischen vier und 60 Jahren alt, aber das Zusammenspiel funktioniert. „Man merkt einfach, dass die Stimmung passt“, sagt Katrin Schultze-Berndt, die Bezirksstadträtin für Schule, Bildung und Kultur, während sie dem Schauspiel zusieht, ein wenig im Takt mitwippt und, nicht ganz ohne Stolz, lächelt.

Die Darsteller schunkeln, lachen und singen. Sie prosten sich zu, während Regisseurin Birgit Eckenweber immer wieder lobt oder genaue Anweisungen gibt. Normalerweise arbeitet Eckenweber mit Profis, doch sie sagt: „Ich finde diese durchmischte Truppe toll. Manche Mitspieler haben schon jahrelange Erfahrung, andere sind noch ganz neu, aber sehr begabt.“

Einer mit viel Erfahrung ist Hans Marquardt, einst schwärmte er mit seinen Bandkollegen, den „Gebrüdern Blattschuss“, von langen Kreuzberger Nächten. Jetzt stellt er den jüdischen Hehler Fagin dar und bringt Straßenkindern bei, wie man den Leuten das Geld aus der Tasche zieht.

Begabt und auch schon ein Weilchen dabei sind Simon und Maxi, sie spielen die Hauptrollen Oliver und Dodger. Simon ist zwölf, er war schon 2011 bei der Aufführung „Der Zauberer von Oss“ mit auf der Bühne, hat aber nun zum ersten Mal eine Hauptrolle. „Nervös bin ich nur in den ersten Minuten“, sagt er. Maxi ist erst neun, er hatte auch schon bei der großen TXL-Show eine Hauptrolle – in diesem Stück wurde vor zwei Jahren humorvoll thematisiert, warum sich die Schließung des Flughafens Tegel so verzögert.

Fassaden der Hauptstadt
Erhaltene Dorfstruktur im Ortsteil Lübars in Reinickendorf.Weitere Bilder anzeigen
1 von 430Foto: Peter Wand
08.11.2016 14:51Erhaltene Dorfstruktur im Ortsteil Lübars in Reinickendorf.

Für Maxi ist es ein Abenteuer, auf der Bühne zu stehen. Er nimmt es sportlich. „Ich tanze auch Breakdance. Dort ist es viel schlimmer, wenn ich etwas falsch mache. Wenn ich mich beim Musical verspreche, ist das zwar ein Weltuntergang, aber wenn ich beim Breakdance stürze und mir die Schulter auskugle, ist das viel schlimmer.“

Nur die Schule steht jetzt manchmal hintenan. Im Endspurt proben die Darsteller drei bis vier Stunden täglich. „Da kann es schon mal vorkommen, dass die Hausaufgaben rasch in der Garderobe erledigt werden, wenn man gerade nicht dran ist“, erzählt Stadträtin Schultze-Berndt. Es geht aber auch anders. Elisa zum Beispiel schreibe die besten Testnoten während der Musical-Phasen, sagt Schultze- Berndt. „Die Schülerin will einfach zeigen, dass sie beides gut schaffen kann.“

140 Mitwirkende und 2500 Zuschauer

Musikschul-Chef Harald Fricke ist stolz auf die Leistung der 140 Mitwirkenden. Sie führen nun schon im sechsten Jahr in Folge ein Stück auf: „Wir spielen pro Jahr vor 2500 Zuschauern, die Bühne ist eine tolle Chance.“ In vielen anderen Bezirken fehle diese Möglichkeit. Doch alles zu bezahlen, fordert die Musikschule heraus. „Hier wird ausschließlich ehrenamtlich gearbeitet. Wir leben von Spenden und Sponsoren, auch die Eltern helfen viel mit.“

Geld gibt es beispielsweise von der Initiative Reinickendorf. Marlis Wanjura, Ex-Bürgermeisterin des Bezirks Reinickendorf, gehört dazu. Auch sie schaut heute bei der Theaterprobe zu. „Die alte Geschichte von Oliver Twist lässt sich ja gut in die heutige Zeit und nach Berlin übertragen“, sagt sie. „Es geht um Gastfreundschaft und darum, Kinder angemessen willkommen zu heißen.“

Dazu hat sie auch eine aktuelle Idee. Man sollte doch im nächsten Jahr Flüchtlinge in die Theaterproduktion mit einbeziehen, schlägt sie vor. Für Oliver wäre das zu kurzfristig gewesen, aber die Musikschule nimmt die Anregung auf. Ein Musical ist doch eine großartige Möglichkeit, Kultur zu vermitteln und Menschen zu integrieren, die vom Ausland kommen.

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