Berlin : Berlin schnarcht

Wieso die Hauptstädter so schlafgestört sind. Und was man noch so erfährt auf einem Fachkongress

Sebastian Leber

Geschnarcht hat Hajo Schneider schon immer, „Melodie der Nacht“ nennt er das knatternde Geräusch. Gestört hat es ihn nie. Problematisch wurde es erst, als sein Schnarchen ab und zu aussetzte – und mit ihm gleich die gesamte Atmung. Bis zu 97 Sekunden am Stück.

Schlafapnoe heißt die Krankheit, die nicht nur den Ehepartner erschreckt (oder in den Wahnsinn treibt), sondern auch zu Herzinfarkt und Schlaganfall führen kann. Deshalb ist sie eines der Hauptthemen auf der 13.Jahrestagung der „Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin“, die seit Donnerstag im Berliner Congress Center am Alexanderplatz stattfindet. 1500 Ärzte und andere Fachleute aus der ganzen Welt treffen sich und tauschen ihr Wissen über Schlafstörungen aus. Rund 80 verschiedene Formen sind bekannt, vom Schlafwandeln über nächtliches Zähneknirschen bis zur Insomnia, der krankhaften Schlaflosigkeit. Am schlimmsten sind die Berliner dran, sagt Schlafmediziner Ingo Fietze von der Charité. 13 Prozent leiden hier an Störungen, in Thüringen und Baden-Württemberg sind es nur ein Prozent. Fietze kennt die Gründe: „Mehr Lärm, mehr Licht, mehr Stress.“

Auf der Jahrestagung kommen nicht nur Ärzte und Forscher, sondern auch die Betroffenen zu Wort. Schnarcher Hajo Schneider ist als Vorsitzender des „Bundesverbands Schlafapnoe Deutschland“ dabei. Er stellt seine Aufklärungskampagne vor, denn „95 Prozent aller Apnoe-Kranken wissen gar nicht, dass ihr Atem im Schlaf aussetzt“. Er selbst hat übrigens keine Probleme mehr, seitdem er nachts eine Maske trägt. Die bläst ihm ständig Luft in den Rachen und hält damit die oberen Atemwege frei. Solche Masken gibt es auf dem Kongress in allen Formen: Manche sehen wie Schnorchel aus, andere wie Kampfhelme aus „Krieg der Sterne“. Michael Völlmer von der US-Firma Respironics hat „den Mercedes unter den Masken im Angebot“: ein Modell mit Gelkissen und beweglicher Stirnstütze, damit es keine Druckstellen gibt. Lilo Habersack, die Chefin einer bundesweiten Selbsthilfegruppe, wäre froh, wenn es so ein Gerät auch für ihre Krankheit geben würde. Sie leidet seit 20 Jahren am so genannten „Restless-Legs-Syndrom“, einem unangenehmen Kribbeln in den Beinen, das sie abends nicht einschlafen lässt. Trotz Medikamenten kann sie keine Nacht durchschlafen. Im Februar 2006 soll in Deutschland ein neues Medikament namens „Adatrel“ auf den Markt kommen – „aber ob ich jemals ganz beschwerdefrei sein werde, weiß ich nicht“ .

Auf vielen Gebieten steht die Schlafforschung noch am Anfang. Zum Beispiel bei der Frage, ob bestimmte Störungen vererbt werden und an welche Gene sie gekoppelt sind. Bis in die 90er Jahre galten Schlafforscher als verschroben, erinnert sich Thomas Penzel von der Uniklinik Marburg. „Da wurde uns oft unterstellt, dass wir das Schlafen als unser persönliches Hobby zum Beruf gemacht hätten.“ Inzwischen werden die Forscher ernst genommen, und auch die Schlafmediziner, die in ihren Praxen Schlafstörungen behandeln. Um diese Ärzte international zu vernetzen, findet im Congress Center neben der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft auch gleich der Gründungskongress der „World Association of Sleep Medicine“ statt. Thomas Penzel, der den Kongress mitorganisiert hat, glaubt, dass der Schlafmedizin künftig noch weit mehr Bedeutung zukommt.

Immerhin hatte der Kongress am Freitag schon mal einen berühmten Gastredner: Im Kuppelsaal spricht Bergsteiger Reinhold Messner zum Thema „Schlaf in extremen Situationen“. Und erzählt, dass er beim Klettern in 8000 Meter Höhe wegen des wenigen Sauerstoffs immer nur ganz kurz geschlafen, dabei aber unheimlich viel geträumt habe. Und so komisch es klinge: Durch diese besonderen Träume könne man einen Überblick über das eigene Leben gewinnen. Messners Vorschlag, diesem Phänomen wissenschaftlich nachzugehen und Freiwilligen im Schlaflabor Sauerstoff zu entziehen, findet im Saal aber keine Zustimmung.

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