Berlin-Schöneberg : Die Kunst des Helfens

Warum engagieren sich Bürger für Leute in Not? „Voices of Help“ – eine Schau in Schöneberg gibt Antworten.

Cecilia Heil
Künstler Paul Brody erklärt die Bilder und seine Arbeitsweise.
Künstler Paul Brody erklärt die Bilder und seine Arbeitsweise.Foto: Cecilia Heil

„Als ich das erste Mal von Erstklässlern gehört habe, was sie mal werden wollen: ,Drogendealer, wie mein Vater’, da wusste ich, ich muss in die Suchtberatung.“ Die Stimme kommt aus einem Lautsprecher und ist mit leiser Musik unterlegt. Dieser Satz ist einer der ersten, die man in der Ausstellung „Voices of Help“ hört. Er geht, wie viele andere, unter die Haut.

„Voices of Help“ – Stimmen der Hilfe: Der kalifornische Künstler Paul Brody war begeistert von den unzähligen Hilfsangeboten in seinem Schöneberger Kiez. Brody ist Komponist, arbeitet für den WDR, spielt bei den Münchner Kammerspielen und lebt schon lange in Berlin. Es interessierte ihn, wer und was sich hinter all den Türen der verschiedenen Hilfsorganisationen in seiner Nachbarschaft verbirgt. Also fragte er nach und komponierte Melodien, um die Stimmen musikalisch zu begleiten. Die Interviews und Tonaufnahmen werden im Schöneberg Museum als „dokumentarische Klanginstallation“ präsentiert.

In drei Räumen zeichnet Brody ein Porträt der vielen Helfenden. Im ersten Raum, der in zartes Licht getaucht ist, hört man aus Lautsprechern die Geschichten der Sozialarbeiter, die Brody interviewte, zehn Menschen, die sehr unterschiedliche Gründe hatten, ihre Arbeit auszuüben. Eine Frau erzählt von ihren sieben Geschwistern, durch die sie früh gelernt hat, andere zu begleiten, ein anderer von der Gärtnerausbildung, die nicht so richtig zu ihm zu passen schien. „Weil ich selber wirklich am Abgrund stand und meine Miete nicht mehr bezahlen konnte“, begründet ein dritter seinen Weg. Sie alle wählten am Ende einen Beruf, in dem es darum geht, anderen Menschen zu helfen.

Halbkreisförmige Sitzelemente laden zum Verweilen ein

Was ihre Arbeit ausmacht, erfährt der Besucher im zweiten, zentralen Raum der Schau. Da laden halbkreisförmige Sitzelemente und Kopfhörer zum Verweilen und Eintauchen in die verschiedenen Interviews und Klangcollagen ein. An den nachtblauen Wänden sind Satzfragmente aus den Interviews befestigt – Schlüsselbegriffe, emotionale Momente, Gedanken, Fragen, angeordnet wie eine Notenlineatur.

Bilder aus der Ausstelung "Voices of Help".
Bilder aus der Ausstelung "Voices of Help".Foto: Cecilia Heil

Wer sich einen Kopfhörer aufsetzt und sich auf einen Hockerklotz setzt, taucht für ein paar Minuten in die Welt der Helfenden und ihren praktischen Berufsalltag ein: „Wir haben uns kennengelernt, weil er in der Schule Feuer gelegt hat.“ – „Die Jugendlichen sagen oft: Du kannst mir nicht helfen. Wer mir helfen kann, ist ein Rechtsanwalt.“ – „Mein größter Job ist, glaube ich, dieses Präsentsein, ständig. Und du weißt nie, was passiert.“ – „Hey, du bist ein guter Typ, auch wenn du keine Drogen nimmst.“ Es sind Augenblickssätze wie diese, die den Besucher der Schau bewegen – und manchmal auch schockieren.

Jede Stimme ist mit einem Instrument unterlegt

Jede Stimme ist mit einem Instrument unterlegt, leise musikalische Begleitung unterstreicht die Worte. „Jeder Mensch hat eine andere Melodie und Tonart“, sagt Brody. „Eine der Interviewten redet tatsächlich in C-Dur“, erzählt er schmunzelnd. Die Melodien im Hintergrund komponierte Brody passend zur Stimme und Atmosphäre der Interviews.

Der dritte Raum widmet sich der aktuellen Kultur des Helfens im Ehrenamt. Was treibt die freiwilligen Helfer an, besonders beim Engagement für Flüchtlinge? Außerdem kann man eigene Gedanken zum Thema Helfen auf Zetteln hinterlassen und an eine Magnetwand hängen. Die Ausstellung beeindruckt durch die Vielfalt der porträtierten Initiativen und helfenden Menschen. Sie mahnt nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern lobt viel eher.

In vielen seiner künstlerischen Werke ging Paul Brody schon der Frage nach, wie Melodie und Rhythmik einer Sprache in Musik überführt werden können. Seine Kompositionen basieren häufig auf Recherchen und Interviews, die er mit Menschen zu unterschiedlichen Themen führt. „Oft geht es dabei um Identität“, erläutert das Museum den Hintergrund seines künstlerischen Schaffens. Brody habe seine Experimente in den vergangenen Jahren in verschiedenen Klanginstallationen öffentlich vorgestellt, etwa 2011 im Jüdischen Museum in Berlin zum Thema Heimat oder jüngst im Sommer 2016 mit zwei Klanginstallationen in den Münchener Kammerspielen.

Die Stimmen der Helfer sollen erfahrbar werden.
Die Stimmen der Helfer sollen erfahrbar werden.Foto: Cecilia Heil

Bei seinen dokumentarischen Klanginstallationen wurde Brody von den Fotografen Dirk Hasskarl und Patric Sperlich unterstützt. So ist auch eine große Aufnahme eines Klassenzimmers der sozialen Frauenschule von Alice Salomon aus dem Jahr 1929 zu sehen. Salomon war die Wegbereiterin der Sozialarbeit als Wissenschaft. In der Ausstellung verweist das Foto auf die „historische Kontinuität der Sozialarbeit“. Und im letzten Raum gewährt der Künstler in einer besonderen Vitrine einen Einblick in seine eigene Familiengeschichte – und den Hintergrund seiner Arbeit.

Paul Brodys jüdische Mutter musste im Alter von etwa 13 Jahren aus Österreich vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten fliehen. Sie überlebte dank eines noch rechtzeitig von Quäkern organisierten Kindertransportes von Wien nach England, wo zwei Schwestern sie sechs Jahre lang versorgten. Aktuell weckte ein 13 Jahre altes, syrisches Mädchen, dem Paul Brody bei seinem Helfereinsatz in einer Berliner Flüchtlingsunterkunft begegnete, Erinnerungen an diese Rettung seiner Mutter.

Für Paul Brody gehören das Helfen und dessen Vielfalt zu seinem Kiez – und zu Berlin. „Helfen ist eine Kunst“, sagt er. „Hier, in unserer Stadt, ist immerhin jeder Dritte freiwillig aktiv.“

Weitere Infos:

AUSSTELLUNG VERLÄNGERT

Sie ist jetzt verlängert – und läuft noch bis zum 2. April 2017: „Voices of Help“ im Schöneberg Museum, Hauptstraße 40/42, 10827 Berlin. Öffnungszeiten: Sa.–Do., 14–18 Uhr und Fr.,9–14 Uhr. Für Gruppen nach Voranmeldung Mo. bis Fr. 9–14 Uhr. Kinder von 9–13 können einen Workshop zur Ausstellung besuchen. Tel.: 030-902776163, Internet: www.museentempelhof-schoeneberg.de. Unter http://www.jugendmuseum.de/voices-of-help.html findet man 2 Samples zum Hineinhören. Am Sonntag, 5. März, findet um 11 Uhr und am Sonntag, 12. März, um 14 Uhr ein Stadtspaziergang zur Geschichte der Fürsorge in Schöneberg mit Stefan Zollhauser statt. Treffpunkt: Karl-Schrader-Straße, Ecke Barbarossastraße.

HELFEN IM KIEZ
Selbst Lust bekommen auf Engagement im Kiez? Hier einige Adressen und Infos:

Auf der Seite des Berliner Engagementportals findet man schnell viele interessante Angebote zum Helfen in unterschiedlichen Bereichen:

www.berlin.de/buergeraktiv/engagieren

Auf der Homepage der Landesfreiwilligenagentur Berlin kann man zielgruppenorientiert nach Angeboten suchen:

http://freiwillig.berlin

KULTURVERMITTLER IN AKTION 

Beim Projekt „KulturLeben Berlin“, das Menschen mit wenig Geld ermöglicht an Kulturevents teilzunehmen, sind auch freiwillige Kulturvermittlerinnen und Kulturvermittler im Einsatz: Ínfos auf www.kulturleben-berlin.de oder per Mail an ehrenamt@kulturleben-berlin.de.

Die GEDOK Berlin in Schöneberg sucht ehrenamtliche Unterstützung für die Projektplanung, Kontaktpflege mit Künstlerinnen und Kunstförderern und mehr. Infos auf www.gedok-berlin.de.

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