Berlin : Berlin schrumpft: 100.000 Wohnungen stehen leer - und das noch zehn Jahre

Christian van Lessen

Mindestens 100.000 Wohnungen, vielleicht sogar 150.000 werden in Berlin langfristig leer stehen. Diese Zahlen nannte am Montag Stadtentwicklungssenator Peter Strieder. Er glaubt, dies werde sich in den nächsten zehn Jahren nicht ändern. Nach Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung kann mit einem deutlichen Rückgang der Leerstandsquote nur dann gerechnet werden, wenn mehr Menschen als bisher zuwandern. Strieder sagt, die Stadt benötige, wenn sie nicht schrumpfen und damit auch an Wirtschaftskraft verlieren soll, bis 2010 rund 200.000 neue Mitbürger aus dem Ausland. "Das zeigt, dass Berlin, wie andere Metropolen auch, darauf angewiesen ist, international und tolerant zu sein." Eine schrumpfende Stadt habe keine Dynamik.

Die mindestens 100.000 leer stehenden Wohnungen machen mehr als fünf Prozent des Bestandes von 1,85 Millionen Wohnungen aus. Die Leerstandszahl übertrifft um 50.000 ungenutzte Wohnungen jene übliche Reserve, die ein funktionierender Wohnungsmarkt für Umzüge und Modernisierungen im Bestand benötigt. Das nütze zwar den Mietern, belaste aber private und öffentliche Gesellschaften.

Die Wanderungsgewinne und -verluste mit Brandenburg und dem übrigen Bundesgebiet seien ausgeglichen und blieben es voraussichtlich auch. Große Sorge bereite aber der Sterbeüberschuss, und der könne allein durch eine verstärkte Zuwanderung aus dem Ausland ausgeglichen werden, um den Bevölkerungsstand von heute zu halten.

Strieder wies darauf hin, dass der Ausländeranteil in Berlin mit fast 13 Prozent vergleichsweise gering ist, in Frankfurt am Main rund das Doppelte beträgt. Doch Berlin solle sich auch eher mit London oder Paris vergleichen, meinte der Senator. Die Schreckensvision der Verwaltung ist, dass Berlin im Jahr 2015 anstelle von 3,4 Millionen nur noch 2,7 Millionen Einwohner hat, die Zahl der Arbeitsplätze sinkt und die Stadt wirtschaftlich bedeutungslos geworden ist. Es wird darauf verwiesen, dass - statistisch gesehen - in den letzten sieben Jahren kein "zusätzlicher" Berliner geboren wurde und dass die optimistischen Bevölkerungsprognosen nach der Wende verfehlt waren.

Die Senatsinnenverwaltung reagierte auf den Strieder-Vorschlag mit dem Hinweis auf jüngste Äußerungen von Senator Eckart Werthebach in der Urania. Der Innensenator zitierte dort unter anderem den Bundesinnenminister, der von den "Grenzen der Belastbarkeit" gesprochen hatte. Man dürfe aber nicht nur nach der Zahl der zuziehenden Ausländer fragen, sondern auch danach, ob sie die Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration mitbrächten. Werthebach begrüßte, "dass über die grundsätzliche Notwendigkeit einer geregelten und im staatlichen Interesse gesteuerten Zuwanderung mittlerweile politischer Konsens besteht".

Weniger Übereinstimmung besteht in den Leerstandsprognosen. Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen hatte kürzlich ein baldiges Ende des Leerstands vorausgesagt, dies unter anderm auch mit dem Rückgang des öffentlichen Neubauprogramms begründet. Die Kosten des Wohnungsleerstands der 15 städtischen Gesellschaften betrugen nach Angaben Strieders im Jahr 1999 etwa 166,6 Millionen Mark. Das waren 6,77 Prozent der "Sollmieten" in Höhe von 2,46 Milliarden Mark. Die Senatsverwaltung müsse deshalb dafür sorgen, das Gesellschaften mit dauerhaftem hohen Leerstand nicht in wirtschaftliche Probleme gerieten. Einen großflächigen Abriss insbesondere von unsanierten Plattenbauwohnungen werde es nicht geben. Da es aber bei der entspannten Situation am Wohnungsmarkt nicht mehr nötig sei, um die Erhaltung jeder einzelnen Wohnung zu kämpfen, erhöhten sich die Chancen zur städtebaulichen Aufwertung in Plattenbaugebieten. So könne man sich vorstellen, dass etwa vereinzelte Miethäuser, die in Höfen stehen, abgerissen werden.

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