Berlin : Berlin sieht alt aus im neuen Europa

Tagesspiegel-Managerpanel: Die Wirtschaft der Hauptstadt nutzt ihre Chancen im Osten noch zu wenig

Alexander Visser

„Polnische Künstler blicken auf Berlin“, sagt Jozef Olszynski, Leiter der Handelsabteilung der Polnischen Botschaft in Berlin. „Aber Manager und Arbeitnehmer schauen über Berlin hinweg und gehen lieber nach München, Köln oder Stuttgart.“ 15 Jahre nach dem Ende des Ostblocks ist es der Berliner Wirtschaft noch nicht gelungen, die wirtschaftlichen Chancen in den östlichen Nachbarländern auszuschöpfen. Das sieht nicht nur der Vertreter Polens so: Zu diesem Schluss kommen auch wichtige Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft Berlins, die der Tagesspiegel im Rahmen seines Manager-Panels gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) befragt hat.

„Die Berliner Unternehmer haben zwar die wirtschaftlichen Chancen in Osteuropa erkannt, aber es besteht die Gefahr, dass sie nicht ausreichend genutzt werden“, fasst DIW-Forscher Herbert Brücker seine Analyse am Mittwoch zusammen. Seit dem EU-Beitritt der östlichen Nachbarländer im Mai dieses Jahres sind Polen, Tschechien, Ungarn, die Slowakei, Slowenien und die baltischen Staaten politisch noch näher an die deutsche Hauptstadt herangerückt. Die Mehrheit der Befragten Berliner Wirtschaftslenker hat das längst erkannt: Mehr als 60 Prozent der Umfrageteilnehmer geben an, Wirtschaftsbeziehungen zu den EU-Beitrittsländern zu unterhalten.

Fast die Hälfte der Befragten produziert dort Waren oder bietet Dienstleistungen an. Doch der Austausch von Gütern ist noch schwach entwickelt: Lediglich 15 Prozent der Panelteilnehmer exportieren und importieren Waren aus beziehungsweise in diese Länder. Die Zahl ist für das DIW Indiz dafür, dass die Chancen im Osten nur unzureichend genutzt werden. Auch der Blick von der anderen Seite bestätigt: „Das politischen wie die wirtschaftlichen Beziehungen haben sich seit der euphorischen Phase Anfang der neunziger Jahre erheblich abgekühlt“, stellt der polnische Publizist und Deutschlandexperte Adam Krzeminski fest.

Immerhin: Berlins Wirtschaftslenker blicken nicht angstvoll über die Oder, sondern erkennen vor allem die Chancen: 54 Prozent der Befragten sehen die Möglichkeit, dank der Ost-Erweiterung der EU Umsatz und Beschäftigung zu erhöhen. Negative Folgen befürchtet nur ein Viertel der Befragten. „Je näher der Mai 2004 rückte, desto geringer wurden die Sorgen wegen der Erweiterung“, hat Handwerkspräsident Stefan Schwarz bei den Mitgliedern seiner Kammer beobachtet. Selbst Kleinbetriebe würden heute beginnen, die Vorteile zu nutzen, etwa indem sich Tischler Bauteile bei polnischen Zulieferern anfertigen lassen. Die Sorgen von früher machen aber heute Probleme: Denn sie führten zur Begrenzung der Dienstleistungsfreizügigkeit. „Die Übergangsregelungen sollten wir möglichst schnell beseitigen“, fordert Schwarz.

Wenn sich Berliner Manager und Unternehmer jenseits der Oder umtun, interessieren sie sich dort vor allem für Facharbeiter. 80 Prozent der Befragten schätzen diesen Standortfaktor als besonders wichtig ein (siehe Grafik). Die geringeren Lohnkosten spielen der Umfrage zufolge nur für 50 Prozent der Manager eine wichtige Rolle. Ein weiteres Ergebnis: Wer nach Osten geht, macht sich keine Hoffnung auf Subventionen. Anders als früher in manchen ostdeutschen Bundesländern spielt Wirtschaftsförderung nur für zehn Prozent der Befragten eine wichtige Rolle bei der Standortwahl.

Ein wichtiger Grund für das nur schleppende Engagement der Berliner Wirtschaft ist aus Sicht des DIW der durch die jahrzehntelange Teilung bedingte geringe Stellenwert der Industrie in der Hauptstadt. Für Berlin-Chemie-Chef Reinhard Uppenkamp kein Grund für Berliner Unternehmer, den Kopf in den Sand zu stecken: „Wir brauchen nicht darauf zu hoffen, dass Berlin wieder Industriemetropole wird. Wer erfolgreich auf Zukunftstechnologien wie die Gesundheitsbranche setzt, wird auch für die aufstrebenden östlichen Nachbarn wieder interessant“, hofft Uppenkamp.

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