Berlin : Berlin sieht nur noch die Rücklichter

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Von Tobias Arbinger

Katzenjammer in der Hauptstadt, unverhohlene Freude bei der Konkurrenz in Leipzig – so sehen die Reaktionen auf die Entscheidung der Messegesellschaft aus, die Automobilschau AAA in diesem Jahr wegen mangelnder Beteiligung ausfallen zu lassen. Der Autohersteller Opel sagt deutlich, dass er die Automobil International in Leipzig im April der AAA vorgezogen hat. Begründung: Eine gute Besucherprognose und eine professionellere Messebetreuung. Sachsen reagiert vollmundig: „Wir sind schneller, moderner, bei uns fühlt sich die Industrie wohl“, sagt der Wirtschaftsbeigeordnete Detlef Schubert.

Wie berichtet, soll die ursprünglich für Herbst angesetzte Berliner AAA erst wieder 2004 unter dem Funkturm stattfinden. Die Messegesellschaft hatte sich nach einem Wirrwarr von Zu- und Absagen dazu entschieden. Sie verwies auf die schlechte Konjunktur in der Automobilbranche. Dem Verband der Automobilindustrie (VDA) zufolge findet eine „Bereinigung“ auf dem Messemarkt statt. Sowohl die Konzerne, als auch die Besucher würden sparen, sagt VDA-Sprecher Ekkehart Rotter. Etliche Regionalmessen wurden bereits abgeblasen. Flaggchiff bleibt die IAA in Frankfurt am Main. Berlin hat nun gegenüber Leipzig das Nachsehen.

Offenbar nicht ganz unverschuldet: Sein Unternehmen habe wegen der zu erwartenden Besucherzahlen Leipzig den Vorzug gegeben, sagt Klaus-Dieter Wolf, Leiter „Ausstellungen“ bei der Adam Opel AG. Dazu käme eine sehr „kundenorientierte“ Messegesellschaft. In Berlin habe man das „so nicht“. Wolf erinnert sich an „Grabenkämpfe“ beim Standaufbau, an „irrsinnige Anforderungen“ des Bauamtes. „Es war leichter, in Tokio etwas durchzukriegen.“ Wolf gibt aber auch zu bedenken, dass beide Automobilschauen räumlich und zeitlich zu nah aneinander gelegen hätten.

Eine schwere Schlappe im Standortstreit der deutschen Regionen? „Um Gottes Willen, der ist in Ordnung“, sagt der Sprecher der Berliner AAA, Wolfgang Wagner. „Man muss fairerweise die wirtschaftlichen Fakten berücksichtigen.“ Der VDA verzeichnet seit drei Jahren Schwierigkeiten bei den Neuzulassungen von Pkw. Leipzig habe während der Anmeldefrist von einer optimistischeren Stimmung profitiert, sagt Wagner. Übers Jahr gesehen sei das vorläufige Fazit der Messegesellschaft Berlin mit über 60 Veranstaltungen gut. Die Traditionsmesse lasse sich auch nicht mit der erst nach der Wende angetretenen Leipziger Schau vergleichen.Das aber tun die Autokonzerne offenbar. „Es ist Tatsache, dass sich Leipzig sehr gut präsentiert hat“, sagt VDA-Mann Rotter. Über die Berliner Absage möchte er sich nicht öffentlich äußern.

Die sächsische Metropole lobt den eigenen Standort in höchsten Tönen. Das Messegelände sei in nur drei Jahren geplant und errichtet worden. Der Flughafen sei 20 Minuten entfernt, das Gelände habe einen eigenen ICE-Anschluss, die A 14 sei ganz in der Nähe, sagt die Messesprecherin. Zudem sei die Stadtverwaltung sehr effizient.

Das ganze Umfeld stimme, sagt der Leipziger Wirtschaftsbeigeordnete Schubert. Porsche eröffne im April eine Produktionsstätte, BMW folgt ab 2004 mit einem Werk. „Wir werden das Detroit Deutschlands.“ Berlin sei hingegen „nicht gerade eine Stadt, wo die Automobilwirtschaft sich wohl fühlt“, findet Schubert, der zwölf Jahre an der Spree gewohnt hat.

Der Vorwurf der Autofeindlichkeit sei „Unsinn“, sagt hingegen der Sprecher der Wirtschaftsverwaltung, Christoph Lang. Auch in Berlin produzierten Branchenführer wie Daimler und BMW. Es liefen richtungsweisende Forschungsprojekte, zum Beispiel zur Verkehrslenkung auf der Autobahn.

Noch ein weiterer Grund erklärt die Messe-Zurückhaltung der Hersteller: Sie zeigen ihre Vehikel zunehmend in eigenen „Brandcentern“, aufwändig gestalteten Einkaufszentren für Autos. VW und Daimler werben in Berlin seit geraumer Zeit so für sich. Opel hat gerade sein Center an der Friedrichstraße eröffnet. Wolf: „Da sind wir das ganze Jahr über präsent - das reicht.“

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