Berlin : Berlin sitzt immer mit am Kabinettstisch

Christoph Gottschalk berät seit Mai 2003 den französischen Premier – und trifft auf viel Neugier

Constance Frey

Alle sind fasziniert von Berlin. Sagt Christoph Gottschalk. Alle im Kabinett des französischen Premierministers Jean-Pierre Raffarin. Und Gottschalk muss es wissen. Seit einem Jahr ist der 26-Jährige Raffarins Berater. Berlin sei in Paris in aller Munde. Viele seiner Kollegen waren schon da oder wollen unbedingt hin. „Berlin ist in den Augen der Franzosen zu dem Symbol für Deutschland geworden, das tut unserem Image in Frankreich ganz gut.“ Bislang verbanden viele Franzosen mit Deutschland entweder gar nichts oder aber eine schwierige Vergangenheit.

Nach Berlin, wo er vorher gelebt hat, schafft es Gottschalk meist nur am Wochenende. So wie jetzt. Freitagabend ist er um halb elf gelandet, es ist spät geworden. Er bestellt in einem Café in Prenzlauer Berg ein französisches Frühstück. „Berlin hat so viel mehr Lebensqualität. Man hat mehr Luft zum Atmen. Subkulturen bilden sich hier viel schneller.“ Paris ist in den vergangenen zwölf Monaten für ihn zur Stadt der Arbeit geworden. „Aber damit tue ich ihr auch Unrecht. Paris hat viel mehr Glamour, ist im klassischen Sinne eine schöne Stadt. Paris weiß, was es ist, und zeigt es auch.“

Nach dem Berater-Job in Paris möchte Christoph Gottschalk wieder zurück nach Berlin. Langweilig ist es ihm aber im vergangen Jahr nicht geworden. Wenn er morgens ins Büro kommt, weiß er nie, was ihn erwartet. Ein Anruf genüge und der Arbeitstag ändere sich schlagartig. Wenn zum Beispiel ein Dolmetscher ausfällt und Christoph Gottschalk live und schwitzend am Telefon ein diplomatisches Gespräch in Fachsprache übersetzen muss – unter dem belustigten Blick des Regierungschefs. Oder wenn Raffarin, der gerne deutsch spricht, kurzfristig seine Rede doch in Goethes Sprache halten will. Dann rennt der deutsche Berater mit der frisch aufgesetzten Rede durch die Gänge des Regierungspalastes Matignon und übt mit dem Premier deutsche Aussprache. Auch Freizeit wird relativ, wenn man im Dienste des französischen Premiers steht. Um zwei Uhr morgens musste Christoph Gottschalk Ende Dezember eine Alm am Chiemsee verlassen, um den Premier zu einem Gespräch zu begleiten.

Momente der Stille hat es im vergangenen Jahr aber auch gegeben. Unheimliche Stille sogar. Nach der vernichtenden Niederlage der Konservativen bei den Regionalwahlen Ende März 2004 hatte Jean-Pierre Raffarin seinen Rücktritt angeboten. Damit waren de facto alle seine Berater, unter ihnen auch Christoph Gottschalk, entlassen. „Die Telefone klingelten nicht mehr. Es gab keine politischen Sitzungen, weil niemand wusste, ob man jetzt den Koffer packen muss oder nicht.“ Staatspräsident Jacques Chirac ernannte den Regierungschef erneut, die Umzugskisten blieben im Keller. Auf Dauer sei die Arbeit auch körperlich sehr anstrengend. „Man sitzt in einem goldenen Palast. Aber der Druck und die Verantwortung nagt an einem.“ Manchmal hat Christoph Gottschalk dann einfach nur Lust auf ein ganz normales Leben.

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