Keine Angst vor blumigen Metaphern

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Berlin spricht Türkisch : Berlin Türkçe konuşuyor

Es muss eine Kunst sein, diese beiden Sprachen anständig zu übersetzen, die schon vom Satzbau - im wahrsten Sinne - nicht gegensätzlicher sein könnten. Im Türkischen steht das Verb hinten, im Deutschen gleich hinter dem Subjekt. Ruhen die Worte unbewegt auf Papier, so geht es leichter. Doch simultan dolmetschen, das verlangt geradezu nach Mut. "Simultan dolmetschen", sagt Oliver Kontny, "ist wie ein Sport." Was helfe, seien Erfahrung und Kaltblütigkeit. Oliver Kontny, Jahrgang 1974, ist seit vielen Jahren Übersetzer. An einem sommerlichen Freitag sitzt er in einem Kreuzberger Café und sieht schon deswegen wenig kaltblütig aus, weil es warm ist. Seinen Werdegang in wenigen Sätzen zusammenzufassen wird ihm kaum gerecht. Ihn auszuformulieren würde jedoch zu viel Zeit in Anspruch nehmen.

Übersetzer Oliver Kontny.
Übersetzer Oliver Kontny.Foto: Thilo Rückeis

Oliver Kontny hat mal Philosophie und Geschichte studiert, Turkologie und Iranistik ebenfalls, seine Liebe zum Türkischen fand er wohl auf dem direkten Weg über die Politik, über Reisen zur Grenze nach Kurdistan; er arbeitete Ende der 90er Jahre für Anwaltskanzleien in Istanbul und London, mit türkischen und kurdischen Mandanten; nebenher übersetzte er Abdullah Öcalans Buch "Gilgameschs Erben", einen Wälzer, ins Deutsche; Kontny arbeitete für den Filmemacher Fatih Akin und als Dramaturg am Kreuzberger "Ballhaus Naunynstraße". Für den Berliner binooki-Verlag übersetzt er die Krimis des in der Türkei sehr bekannten Emrah Serbes. Es ist deswegen keine Angeberei, sondern die geradezu erschütternd vielfältige Wahrheit eines nicht mal 40-jährigen Lebens, wenn ihn eine Webseite für Übersetzer ausweist als Experten zugleich für Jura, Politik, Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften, Film und Literatur.

Hat sich denn nach so vielen Jahren, nach so vielen Sprachen, das eigene Sprechen verändert? Ja, sagt er, nickt und grinst. Keine Angst vor blumigen Metaphern. Lange, verschachtelte Sätze - bitte gern. "Am Türkischen und auch am Persischen fasziniert mich, dass man Sachen zwischen den Zeilen sagen kann. Du schlägst zwei Saiten an und ein dritter Ton erklingt." Im Deutschen kostet das Mühe. Ach? "Bei türkischen Unterhaltungen läuft oft eine ironische Kommentarspur mit", sagt Kontny und nun muss ein Beispiel her. Also: Sitzen zwei in einem Istanbuler Bus. Sagt die eine Person: Lütfen kayalım. Lassen Sie uns rutschen. Die andere: Simdi mi? Jetzt sofort? Ein Witz für den, der weiß, das kaymak auch vögeln heißen kann. Unter anderem. Aber mal ernsthaft. Da ist zum Beispiel das Verb içmek, das trinken heißt und auch rauchen. Oder kurmak. 13 unterschiedliche Bedeutungen bietet das Wörterbuch an, von aufbauen bis zu (Uhr) stellen, (Tisch) decken und nachgrübeln. Mit o bezeichnet man er, sie, es und man. Ay heißt nicht nur Monat, sondern auch Mond. Yüz ist das Gesicht - und die Zahl Hundert. Was das Übersetzen alles nicht einfacher macht.

"Jede Übersetzung ist eine Form der Interpretation"

Übersetzt er ein Buch, dann liest Oliver Kontny meist erst ein bisschen vorne, ein bisschen in der Mitte und ein bisschen hinten, um ein Gefühl zu bekommen für den Text und seinen Ton. "Jede Übersetzung ist eine Form der Interpretation", sagt er und entwirft das passende Bild dazu: Eine Kiste voll Zeug, du nimmst alles heraus und räumst es in ein Regal wieder ein. Egal wie, nur übrig bleiben darf nichts. Eine Kunst für sich, welches Wort man nutzt - Strategie. Denn jeder Ausdruck hat eine Geschichte, gerade im Türkischen. Ist er arabisch? Kemalistisch geprägt? Was könnte eine deutsche Entsprechung sein? Auch bei Redewendungen sucht er lieber nach Entsprechungen, als sie Wort für Wort zu übertragen und damit blumiger und exotischer erscheinen zu lassen als eigentlich nötig. "Es ist doch schöner zu zeigen, dass uns die Ausgangskultur gar nicht so fremd ist."

Und doch ist ja für den Lernenden, der die Sprache zum ersten Mal betrachtet, nichts gewöhnungsbedürftiger als das System der Wortbildung im Türkischen, dieser sogenannten agglutinierenden Sprache. Was bedeutet, dass die Worte länger und länger werden, weil Suffix um Suffix, Bedeutung um Zeit um Fall hinten angehängt werden. Einem, der mal bei ihm Hilfe suchte, weil er sein Türkisch verbessern wollte, riet Kontny, grob gesagt, beim Sprechen das Denken sein zu lassen. Benutz’ die Sprache wie ein DJ seine Platten, greif im Dunkeln danach, lässig mit einer Hand, zieh sie aus dem Plattenkoffer, leg auf, misch ab, für einen geschmeidigen Übergang. Nach dem tasten inzwischen immer mehr.

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