Berlin-Steglitz-Zehlendorf : Blindenhilfswerk will seine Werkstatt schließen

Nicht mehr rentabel, heißt es. Die Beschäftigten sehen das anders als der Trägerverein und hoffen auf ein Umdenken.

Magdalena Thiele
Seit 130 Jahren wird in Steglitz traditionelle Handwerkskunst erhalten.
Seit 130 Jahren wird in Steglitz traditionelle Handwerkskunst erhalten.Foto: Thiele

Uns hilft nur noch ein Wunder, sagt Werkstattleiter Vinzent Czternasty. Er selbst arbeitet seit dreieinhalb Jahren in der Blindenwerkstatt in Steglitz. Sie beschäftigt ihre 13 sehbehinderten Mitarbeiter am ersten Arbeitsmarkt, sie bekommen ein ganz normales Gehalt, so wie jeder Arbeitnehmer. Ein Vorzeigeprojekt mit Tradition. Ende des Jahres soll aber Schluss sein in Steglitz. Wie es nach der Schließung der Werkstatt weitergeht, weiß er noch nicht. Jetzt will Czternasty erst mal seine Schützlinge unterbringen.

Der Betrieb sei nicht mehr konkurrenzfähig sagt Reinhard Schultz-Ewert, der Vorsitzende des Trägers Blindenhilfswerk Berlin. Die Werkstatt koste den Verein bis zu 400 000 Euro jährlich. Hielte man die Produktion aufrecht, könne man bald auch die anderen Projekte des Vereins nicht mehr gewährleisten.

Generell habe das Blindenhandwerk keine Perspektive. Die hochwertigen Waren könnten preislich einfach nicht mit den billigen Produkten aus Fernost mithalten. Berufe für sehbehinderte Menschen seien in Zukunft wohl nur noch in der Verwaltung oder anderen administrativen Tätigkeiten zu finden, glaubt Schultz-Ewert.

Betriebsrat vermutet Willkür

Für den Betriebsrat der Werkstatt ist diese Erklärung zu simpel. Dort zeigt man sich verärgert über das eigenmächtige Vorgehen der neuen Geschäftsführung. Erst Anfang Juli sei die Schließung beschlossen worden, vorher sei sie kein Thema gewesen. Gute Bürsten seien heute sogar wieder mehr gefragt, das sehe man gerade in Bio-Läden.

„Nach den Berichten in den Medien rennen uns die Leute die Bude ein“, sagt Betriebsratsmitglied Stephanie Mauche. „Wir haben Stühle zur Reparatur, die beschäftigen uns bis zum nächsten Januar.“ Die Werkstatt sei immer schon ein Zuschussgeschäft gewesen. Sie sei aber auch nicht dazu gedacht, Gewinne zu machen. Der Verein habe es sich schließlich zur Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass blinde Menschen sich selbständig ihren Lebensunterhalt verdienen können.

„Immer wieder gab es Ideen von unserer Seite, die wurden aber alle nicht aufgegriffen“, so Mauche, „Wir sind davon überzeugt, dass der Vorstand die Werkstatt einfach nicht erhalten möchte, und wissen bis heute nicht, ob Werkstattkooperationen, eine Übernahme oder andere Möglichkeiten überhaupt geprüft wurden. Wir wissen auch nicht, ob Unterstützung durch die Politik oder auch unseren Dachverband, den Paritätischen Wohlfahrtsverband, angefragt wurde“.

Spender stünden bereit

Der ehemalige Geschäftsführer Jürgen Lubnau untermauert diese Ansicht. Er selbst habe sich für die Werkstatt starkgemacht. Bei der letzten Mitgliederversammlung, als die Schließung beschlossen wurde, habe er dem Vorstand ein Angebot der Kriegsblindenstiftung Berlin Brandenburg unterbreitet. Die Stiftung wäre bereit, mehr als 100 000 Euro jährlich für die Aufrechterhaltung der Werkstatt bereitzustellen.

Gut und teuer? Ralf Biermann arbeitet seit zwölf Jahren fürs Blindenhilfswerk und ist seit 20 Jahren Bürstenmacher.
Gut und teuer? Ralf Biermann arbeitet seit zwölf Jahren fürs Blindenhilfswerk und ist seit 20 Jahren Bürstenmacher.Foto: Thiele

Die zuständige Senatsverwaltung für Wirtschaft Energie und Betriebe betrachte die geplante Schließung mit größtem Bedauern, so ein Sprecher der Behörde. Eine staatliche Förderung sei rechtlich schwierig. Die Senatsverwaltung dürfe höchstens mit einem Überbrückungskredit aushelfen, wenn das von den Betroffenen denn gewollt sei. Außerdem müsse vonseiten der Betreiber ein zukunftsfähiges Konzept vorliegen.

Geschäftsführung verteidigt die Schließung

Die heutige Geschäftsführerin Andrea Pahl weist Kritik zurück. Weder habe es Vorschläge des Betriebsrats gegeben noch hätte staatliche Überbrückungshilfe etwas an der Situation geändert. „Dass sich der Betriebsrat für die Erhaltung des Standorts ausspricht, ist ja klar“, sagt Pahl. Der versuche einfach, Jobs zu retten. Die Schließung sei beschlossene Sache. Das frei werdende Geld wolle man in Ausbildungsmaßnahmen investieren.

Konkret ist diese Planung noch nicht. Das Gebäude gehört den Rothenburgschen Stiftungen, wird aber vom Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf verwaltet; es besteht ein Pachtvertrag zwischen dem Verein und dem Bezirksamt. Seit 1886 besteht der Verein und betreibt die Werkstatt, in der bis heute das traditionelle Blindenhandwerk des Korb- und Möbelflechtens sowie der Bürsten- und Beseneinzieherei erhalten wird – alle Produkte aus hochwertigen Naturmaterialien und von Hand gefertigt.

Eine Kundin betritt am Montagnachmittag den Laden, sie sucht sich einen Besen aus Rosshaar aus. Den letzten habe sie hier vor 30 Jahren gekauft, sagt sie. „Vielleicht sind unsere Produkte ja einfach zu gut“, sagt Czternasty. „Sie halten einfach zu lange.“ Er selbst kann sich einen Neuanfang mit einer Stuhlflechterei vorstellen. Das Geschäft laufe sehr gut.

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