„Berlin Story“ : Die Geschichte Berlins im Bunker

In 60 Minuten durch die Geschichte der Stadt: Im Bunker am Anhalter Bahnhof haben sich die Verleger von „Berlin Story“ einen Traum erfüllt – ein Museum von Stasi bis Schweineskelett.

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Im Bunker gelandet. „Berlin Story“-Verleger und Buchhändler Wieland Giebel führt junge Menschen durch die Geschichte der Stadt – da geht es zum Beispiel um die Fallschirme aus der Zeit der Luftbrücke.
Im Bunker gelandet. „Berlin Story“-Verleger und Buchhändler Wieland Giebel führt junge Menschen durch die Geschichte der Stadt –...Foto: DAVIDS

Auch Gail Halvorsen half begeistert mit. Der legendäre Pilot hat die kleinen Fallschirme mit den Schokotäfelchen gebastelt. Halvorsen, 94 Jahre alt, zu Hause in Salt Lake City (USA), besucht alljährlich Berlin, weil er hier während der Luftbrücke 1948/49 zum Idol wurde. Damals nannten ihn die Berliner „Onkel Wackelflügel“ und seine zweimotorige Douglas C-54 Skytrain „Rosinenbomber“. Halvorsen warf als erster Pilot im Anflug auf Tempelhof Süßigkeiten für die Kinder ab, die an Fallschirmen festgeknotet waren – und wippte dabei mit den Flügeln.

Es lag also nahe, den heutigen Oberst a. D. zu bitten, fürs neue „Berlin Story“-Museum im Bunker am Anhalter Bahnhof noch mal die gleichen „parachutes“ aus Taschentüchern anzufertigen, die er einst aus dem Cockpit schleuderte. Jetzt hängen sie an der Museumsdecke zwischen Modellen der C54, links läuft ein Video mit Originalaufnahmen. Die Tage der Luftbrücke – ganz nah.

„Willkommen zu einem Spaziergang durch die Historie Berlins“, begrüßten Enno Lenze (32) und Wieland Giebel (65) am Montag ihre ersten Gäste. Punkt 10 Uhr eröffneten sie das Museum hinter den dicken Betonwänden des einstigen Luftschutzbunkers. In den vergangenen Jahren hatten die zwei geschichtlich engagierten Buchhändler und Verleger bereits ein kleineres Museum in ihrem „Berlin Story“-Shop Unter den Linden betrieben. Doch nun haben sie ihren Traum verwirklicht: Sie zeigen ihre Ausstellung an einem „authentischen Geschichtsort“. Und konnten die Schau dort stark erweitern.

60 Minuten dauert der Rundgang

Den Bunker hat Enno Lenze vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gepachtet, dabei übernahm er auch das „Berliner Gruselkabinett“ in der dritten Etage, das seinen Besuchern schon seit Längerem Schrecken einjagt. Im Museum kann man nun an 30 Stationen die Berliner Vergangenheit durchgängig erleben – von den ersten Fischerhütten bis zur hippen wiedervereinigten Metropole. Inszenierungen der Berliner Film- und Bühnenbildnerin Monika Bauert, Videos, Fotoposter, Originalobjekte oder Modelle des Stadtschlosses und der historischen Mitte zur Kaiserzeit erzählen die Geschehnisse, machen Geschichte anschaulich erfahrbar – und helfen, die Stadt zu verstehen.

Bildergalerie: Spaziergang durchs Berlin Story-Museum
Trümmer, Wohnungslose und Flüchtlinge. Inszenierung des Kriegsendes 1945 in Berlin. Wieland Giebel von Berlin Story zeigt Puppen und Koffer, es sind Requisiten des des 2007 gedrehten Films "Operation Walküre - das Stauffenberg Attentat". Die Backsteine stammen von Ruinen des Luftangriffes vom 3. Februar 1945 auf die Luisenstadt. Das Museum am Anhalter Bahnhof (Schöneberger Straße 23a) ist Dienstag bis Freitag von 10-19 Uhr geöffnet, am Wochenende von von 12-20 Uhr. Eintritt: 5 Euro einschließlich Audio Guide, mehr Infos: www.berlinstory-bunker.de, Telefon: 26555546.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: Florian Boillot / Davids
30.03.2015 18:48Trümmer, Wohnungslose und Flüchtlinge. Inszenierung des Kriegsendes 1945 in Berlin. Wieland Giebel von Berlin Story zeigt Puppen...

60 Minuten dauert ein Rundgang mit Audioguide, der in zehn Sprachen angeboten wird. Aber es lohnt, die Schau danach noch länger zu erkunden. „Man gewinnt einen Eindruck von der Einzigartigkeit unserer Stadt“, sagt Wieland Giebel. Wobei sich das Museum keineswegs um die düsteren Zeiten drückt. Aber im Lauf der Jahrhunderte hätten sich in Berlin „doch immer wieder Freiheitsliebe, Tatkraft und Leidenschaft durchgesetzt“, sagt er.

Berlin und die Grillparty

Zum Beispiel beim sogenannten „Berliner Unwillen“ anno 1448, als die aufmüpfigen Bürger Kurfürst Friedrich Eisenzahn ärgerten. Sie lehnten das von ihm geplante Schloss ab, fluteten den Bauplatz, verbrannten Urkunden. Wer den Anhalter Bunker von der Schöneberger Straße aus betritt, findet diese Szene gleich am Eingang in einem Diorama. Der Blick zurück beginnt aber schon früher mit archäologischen Funden in Mitte. Bei Ausgrabungen wurde das Skelett eines Schweins aus dem 12. Jahrhundert entdeckt. Ein Foto dokumentiert dessen angekohlte Gebeine. „Berlins Geschichte beginnt mit einer Grillparty“, sagt Giebel und schmunzelt.

Einige Räume weiter grüßt der Alte Fritz überlebensgroß von der Wand. Vor ihm Körbe voller Kartoffeln. Schließlich hat Friedrich der Große die aus Mittelamerika stammenden Erdäpfel in Preußen eingeführt. Die nächsten Stationen dokumentieren das jüdische Berlin, die Kaiserzeit, die zwanziger Jahre. „Stube und Küche“ im dritten Hinterhof sind als Bühnenbild inszeniert. Zehn Kinder in der Enge, über den Köpfen die volle Wäscheleine, Bullerofen, Badezuber. In einer Vitrine ein Brotlaib, mit weißem Klebeband in sieben Stücke aufgeteilt. Die Rationen der Familie von Montag bis Sonntag.

Die Geschichte vom Anhalter Bahnhof
Was übrig blieb vom Rest: Der Anhalter Bahnhof in Berlin-Kreuzberg, aufgenommen im Februar 2015.Weitere Bilder anzeigen
1 von 44Foto: Doris Spiekermann-Klaas
03.02.2015 09:54Was übrig blieb vom Rest: Der Anhalter Bahnhof in Berlin-Kreuzberg, aufgenommen im Februar 2015.

Nun führt der Weg ins Dritte Reich, zum Widerstand und in den Zweiten Weltkrieg. Wie lässt sich der Größenwahn Hitlers begreifbar machen? Indem man die „Ruhmeshalle“ seiner geplanten Welthauptstadt Germania auf einer Zeichnung neben den heutigen 368 Meter hohen Fernsehturm am Alex stellt. Die Kuppel der Halle hat fast dieselbe Höhe wie der TV-Turm. Nun krachen die Bomben, Videos zeigen die Ruinenstadt aus der Luft, Endkampf um Berlin. Der Anhalter Bunker wird hier selbst zum Anschauungsobjekt. 3600 Menschen waren in dem Betonklotz zusammengepfercht. „Ein Quadratmeter pro Person“, sagt Enno Lenze.

Im Museum bleibt man hängen

Ein paar Schritte weiter gerät der Besucher in Aufräumungsarbeiten, steht zwischen Trümmerfrauen, Wohnungslosen. Die Backsteine stammen von Ruinen des Luftangriffes am 3. Februar 1945 auf die Luisenstadt. Koffer und Leiterwagen waren Requisiten des 2007 gedrehten Films „Operation Walküre, das Stauffenberg Attentat“ mit Tom Cruise in der Hauptrolle.

Fünfziger Jahre, Mauerbau, West-Berlin, DDR und Mauerfall sind die nächsten Etappen. Mal am Nierentisch in Sesseln der Adenauer-Ära Platz nehmen und die Wählscheibe alter Telefone drehen, statt übers Smartphone zu wischen? Bitte sehr. Der Sandmann winkt aus dem Regal, eine Zellentür aus dem Stasi-Knast in Hohenschönhausen symbolisiert die SED-Diktatur. Auf einer Wand ist das Gedränge in der Gethsemanekirche während des friedlichen Volksaufstandes in Ost-Berlin abgebildet.

Einige Schulklassen haben sich schon am Montag angemeldet. Auch Familien kamen. Die wollten eigentlich nur ins Gruselkabinett – sind danach aber im Museum hängen geblieben.

Berlin Story Bunker, Schöneberger Straße 23a, Di–Fr 10–19 Uhr, Sa u. So, 12–20 Uhr, Eintritt 5 Euro, für Museum und Gruselkabinett 9,50 Euro, ermäßigt 7 Euro. www.berlinstory-bunker.de, Tel.: 26555546.

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