Berlin : Berlin sucht den Superlehrer

400 Bewerber sind zum Casting ins Rathaus Tiergarten geladen. 58 Stellen sollen schnell vergeben werden

Susanne Vieth-Entus

Der große Bezirksverordnetensaal im Rathaus Tiergarten ist nächste Woche Schauplatz einer ganz besonderen Veranstaltung: 400 Bewerber werden eingeladen, um 58 offene Stellen in Grundschulen zu besetzen. Sie treffen auf Schulleiter, Personalräte und Frauenvertreter, um schnell Entscheidungen treffen zu können. Denn die Lehrer werden nicht irgendwann gebraucht, sondern sofort.

Der Bedarf an den Schulen ist so groß und die Bewerberlage so schlecht, dass diesmal auch Lehrer eingeladen werden, die gar nicht die gesuchten Mangelfächer wie Sport, Deutsch und Mathematik studiert haben. Denn die Bewerberlisten für die Mangelfächer sind bereits abgeräumt. Fehlt einer Schule also etwa ein Sportlehrer, müsste sie jetzt einen anderen Fachlehrer einstellen. Der würde dann einen Sportlehrer entlasten, indem er einen Teil dessen Unterrichts in anderen Fächern – etwa in Englisch – übernimmt.

Ob das alles so funktioniert, wie es sich die Verwaltung vorstellt, ist allerdings unklar. Aus der Erfahrung früherer „Lehrercastings“ weiß man, dass nur ein Bruchteil der angeschriebenen Bewerber verfügbar ist. Viele junge, flexible, gute sind längst in andere Bundesländer abgewandert. Unter denen, die noch zur Verfügung stehen, befinden sich nach Angaben der Gewerkschaft GEW etliche, die weit über 50 Jahre alt sind und noch nie in ihrem Beruf gearbeitet haben. Sie wollen den akuten Bedarf der Bildungsverwaltung offenbar nutzen, um doch noch einen Fuß in die Tür zum Öffentlichen Dienst zu bekommen, wie eine 55-jährige Bewerberin freimütig bekannte, die jahrelang anderweitig beschäftigt war.

Allerdings fragt sich selbst diese Bewerberin, ob sie sich im Rathaus Tiergarten einfinden soll, da es dort nur um Stellen geht, die bis 11. Juli befristet sind: Die Bildungsverwaltung will im Sommer offenbar erst einmal Kassensturz machen und dann nach Lage der Dinge erneut über Einstellungen entscheiden. Denn im kommenden Schuljahr wird mit einem Minus von rund 8000 Schülern gerechnet und Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) will vermeiden, dass wieder Lehrer in den Überhang geraten.

Doch zunächst soll der akute Bedarf gedeckt werden. Welche Risiken bei überstürzten Aktionen wie den derzeitigen Einstellungen lauern, zeigte sich, als beinahe eine Lehrerin eingestellt wurde, die zuvor mangels fachlicher Eignung entlassen worden war. Möglich war das, weil die Bewerber solche Angaben nicht machen müssen. Allerdings könnten Schulen dahinterkommen, indem sie sich erkundigten, warum die betreffende Lehrkraft aus einer bestimmten Schule ausgeschieden ist, sagt Zöllners Sprecher Kenneth Frisse. Auf die entsprechende Fährte könne man über den Lebenslauf kommen, der ja lückenlos abgeliefert werden müsse. Frisse weist deshalb die Befürchtung zurück, dass solche Personen in den Schuldienst zurückkehren.

Der Lehrermangel und die gleichzeitige Überalterung der Kollegien in den Grundschulen sind entstanden, weil jahrelang kaum Nachwuchs eingestellt wurde. Infolge des Geburtenknicks nach der Wende ging die Schülerzahl derart zurück, dass zwischen 2002 und 2004 nur 13 neue Grundschullehrer eingestellt wurden, wie jetzt aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage des bündnisgrünen Abgeordneten Özcan Mutlu bekannt wurde. Jetzt aber steigt die Zahl der Grundschulkinder wieder, während die Oberschulen schrumpfen. Falls es im Rathaus Tiergarten an Bewerbern mangelt, bliebe deshalb noch der Zugriff auf Oberschullehrer – bevor man sich auf pensionierte oder beurlaubte stürzt.

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