Berlin testet ganz spezielle Verkehrszeichen : Das Steh-auf-Schildchen

In Potsdam wird so manches Verkehrszeichen alle sechs Wochen umgefahren. Und nicht nur dort. Zwei Berliner Bezirke testen nun eine ganz spezielle Konstruktion. Wäre da nur nicht das Geld.

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Mit Knickfuß. Dieses Schild steht in Bohnsdorf. Es sieht fast normal aus - fast.
Mit Knickfuß. Dieses Schild steht in Bohnsdorf. Es sieht fast normal aus - fast.Foto: M. Koerner

Nanu, was ist das denn für ein Schild? Der weiße Pfeil auf blauem Grund in der Paradiesstraße in Bohnsdorf erinnert Autofahrer daran, die Verkehrsinsel auf der Straßenmitte rechts zu umfahren. So weit, so gewöhnlich, auch wenn der Aufkleber von Hertha BSC da natürlich nicht raufgehört. Doch dieses Verkehrsschild ist ziemlich speziell: Wenn ein Auto das Ding versehentlich umfährt, bleibt es nicht abgeknickt liegen – es schnellt einfach zurück in die alte Position.

Bezirke wie Treptow-Köpenick und Marzahn-Hellersdorf testen derzeit Schilder mit flexiblen Knickfüßen. Dabei werden die Schilder auf eine Halterung montiert, in der so genannte Tellerfedern verbaut sind. Die sorgen dafür, dass das Schild nachgibt und umknickt, sich dann aber wieder von selbst aufrichtet. So muss es nicht ausgetauscht werden. Die Konstruktion wird in den Boden einbetoniert. Seit neun Monaten verkauft die Firma Saedi aus Bozen, Südtirol, das neuartige System. In Deutschland ist das italienische Unternehmen Crescendi auf Kundenfang; 400 dieser Konstruktionen wurden bisher bundesweit verkauft.
Rainer Hölmer (SPD), Baustadtrat des Bezirks Treptow-Köpenick hat Gefallen gefunden an den Steh-auf-Schildern. Sein Bezirk testet den Knickfuß seit wenigen Wochen in den Bohnsdorfer Paradiesstraße. „Ein interessanter Ansatz, der sich aber erstmal in der Praxis beweisen muss“, sagt Hölmer. Dann könnte er sich vorstellen, mehrere solcher Füße an verkehrsreichen Straßen aufzustellen, um weniger Geld in den Austausch angefahrener Zeichen ausgeben zu müssen. Auch die Schäden an Autos seien vermutlich geringer als bei herkömmlichen, eher unnachgiebigen Schildern, vermutet der Stadtrat. Zudem muss der Autofahrer das Schild nicht bezahlen, das er kaputt gefahren hat, so wie es bisher der Fall ist. Doch die viele Autofahrer begehen eh Fahrerflucht.

Auch in Marzahn-Hellersdorf könnten unvorsichtige Verkehrsteilnehmer seit zwei Wochen von wiederauferstehenden Schildern überrascht werden. Ein Zeichen steht vor einer Taxi-Haltebucht am Hultschiner Damm in Mahlsdorf, ein flexibler Poller im Zentrum Helle Mitte in Marzahn. Acht weitere Pfosten warten noch auf ihren Einsatz. Sie bestellte der Bezirk, nachdem die Firma Crescendi im Bezirksamt für ihre Produkte warb, sagt der Stadtrat für Stadtentwicklung Christian Gräff (CDU). Die Füße kämen an Orte, wo Schilder öfter umgefahren würden und häufiger Ersatz und Einbetonieren teuer sei.
Teuer sind aber auch die Steh-auf-Schilder, weswegen die Bezirke beim Kauf noch zurückhaltend sind. Mehr als 319 Euro werden pro Fuß fällig; für einen Poller bis zu 400 Euro. Die Kosten für das Schild an sich, den Umbau und das Einbetonieren kommen ja noch hinzu. Das Gesamtpaket sei deswegen „wesentlich teurer“ als bei normalen Zeichen, sagt Gräff. Für den Ersatz herkömmlicher Schilder würden samt Einbetonierung maximal 300 Euro, bei großen auch 400 Euro fällig. „Und es ist ja nicht so, dass an bestimmten Kreuzungen Schilder fünf Mal im Jahr umgefahren werden.“ Von den 20000 Euro, die Marzahn-Hellersdorf im Jahr für neue Schilder ausgebe, sei nur ein Bruchteil für solche, die umgefahren worden seien. Gräff und sein Köpenicker Kollege Hölmer, der ebenfalls mit den Anschaffungskosten hadert, wollen deswegen erst einmal prüfen, ob die teuren Investitionen den leeren Bezirkskassen tatsächlich Geld sparen, bevor sie weitere Flexi-Füße anschaffen.

„Man sollte sich das erstmal eine Weile angucken, bevor man da viel Geld ausgibt“, rät auch eine Sprecherin des Automobilclubs ADAC. Die neuen Füße seien nur sinnvoll, wenn durch sie eine Kostenersparnis erreicht werde. Über mögliche Verbesserungen der Verkehrssicherheit, wie sie der Hersteller verspricht, konnte der Verband keine Angaben machen. Charlottenburg-Wilmersdorf hält nichts von den Zeichen mit dem Knick. „Wir probieren sie nicht aus und halten sie nicht für eine gute Alternative“, sagt Baustadtrat Marc Schulte (SPD). Die Füße würden sich nicht immer gerade aufrichten und seien zudem zu teuer. Sein Bezirk würde im Jahr gerade mal 5000 Euro für neue Verkehrszeichen ausgeben. Die restlichen Kosten übernähmen die Haftpflichtversicherungen der Verursacher.

Auch Potsdam testet zwei dieser Flexi-Füße und will drei weitere aufstellen, sagte ein Sprecher der Stadt. Mancherorts würden die Zeichen nämlich alle sechs Wochen an- oder umgefahren, das geht ganz schön ins Geld. „Wir gucken, ob sie wirklich dazu beitragen, die Kosten in Grenzen zu halten.“ Vielleicht kaufe man dann noch mehr. Schließlich, so werbe der Hersteller, könnten sich solche Schilder bis zu 300 Mal wieder aufrichten. Fußgänger könnten sie übrigens nicht so einfach umbiegen, weil auf der Feder sechs bis sieben Tonnen Zug lasteten.
Ist denn so viel zurückschnellende Kraft gefährlich, gerade für ungeschütztere Verkehrsteilnehmer wie Motorradfahrer? „Der Schutz ist wesentlich besser als bei einem festen Hindernis“, sagt Michael Lenzen, Chef des Bundesverbands der deutschen Motorradfahrer. Und bis das Schild sich wieder aufgerichtet habe, sei ein Motorradfahrer darüber hinweg gerutscht. Stadtrat Hölmer gibt zu bedenken, dass sich die Schilder ja nur langsam wieder aufrichteten und nicht kräftig zurückschnellten.

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