Berlin und die Finanzkrise : Sicher ist nur: Es kommen harte Zeiten

Die Kauflaune sinkt, die Einzelhändler zittern, Jobs gehen verloren und das Sparbuch kehrt zurück.

Thomas Loy

Viele sagen, es wird die schlimmste Krise seit der bisher schlimmsten, der von 1929. Wenige sagen, es wird noch schlimmer. Mein Bankberater von der Sparkasse meint, ich solle mal Aktien kaufen, das Schlimmste sei überstanden.

Die Weltwirtschaftskrise erfasst Berlin. Es gibt zahllose Konkurse, im Februar sind 450 000 Menschen arbeitslos. Es kommt zu Demonstrationen und gewalttätigen Unruhen. Arbeitslose bettelten, täglich nahmen sich Familienväter aus Verzweiflung das Leben. Der Boden für den Aufstieg Hitlers war bereitet. Bei den Wahlen im November 1929 ziehen erstmals 13 Nationalsozialisten in das Stadtparlament ein.

Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber das Angstwort „Weltwirtschaftskrise“ macht schon die Runde. Bislang ist Berlin nichts anzumerken. Unter den Linden flanieren die Touristen, an der Friedrichstraße wird weiter gebaut, am Leipziger Platz parkt auf halber Traufhöhe der neue VW-Golf, das „Auto für alle“. Das in klassischen Grautönen gehaltene Werbeplakat wirkt wie die Verheißung des ewigen Wirtschaftswunders.

Drei Wochen lang tagte hier der „Golf-Kongress“ mit 14 000 Teilnehmern aus allen fünf Kontinenten. Am vorletzten Kongresstag steigt Torsten Volkmer aus dem Taxi, ein schlanker VW-Manager mit stahlklaren Augen, die ohne Lidschlag auskommen. Nach kurzer Aufwärmphase bringt er die volle Kommunikationsleistung. Der neue Golf sei „phänomenal“, im rechten Licht besehen sogar „skulptural“ und deshalb in der kommenden Krise eine „sichere Anlage“. Die Krise nennt er „harte Zeiten“.

Kaum jemand mag jetzt noch Autos kaufen. Bei Kroymans in Tempelhof spüren sie die Kaufzurückhaltung schon „seit anderthalb Jahren“, sagt Geschäftsführer Klaus Heller. Nils Busch-Petersen erlebt als Geschäftsführer des Berliner Einzelhandelsverbandes eigentlich kaum Zeiten ohne Krise. Im ersten Halbjahr brach der Umsatz im Schuhhandel dramatisch ein. Im Frühjahr schloss das Möbelhaus „Neue Wohnkultur“. Im August ging Hertie in die Insolvenz. Davon sind in Berlin drei Kaufhäuser betroffen. Karstadt strauchelt immer noch. Und jetzt steht das Weihnachtsgeschäft vor der Tür. Busch-Petersen nennt es „Schicksalsstunde“ des Berliner Einzelhandels. Für kleinere Läden gehe es ums Überleben. Indizien für eine Verschärfung der Dauerkrise habe er noch nicht.

Die Toilettenfrau von C & A am Alexanderplatz klagt über schlechte Zahlungsmoral und wenig Kundschaft. Dabei wird schon alles zu „verrückten Preisen“ verscherbelt. Noch bis zum 28. Oktober. Dazu gibt es einen Ratenkredit zu 4,3 Prozent und den Dispokredit zu 0 Prozent. Entsteht hier schon die neue Kreditblase?

Wer Geld hat und es partout nicht verjubeln will, steht vor der Frage: Wohin damit? Die Verbraucherzentrale wird von Anfragen überrollt. In der Not entsinnen sich viele Berliner der Sparkasse, die man als langweilig und rückständig abgetan hatte. Die gibt jetzt volle fünf Prozent Zinsen per anno und verzeichnet rege Geldzuflüsse, wie Sprecherin Constanze Stempel bestätigt. Auch das Sparbuch sei wieder zum Leben erwacht.

Andere kaufen lieber gleich was Reelles, Gold oder Antiquitäten. Aus Dresden kommt das Angebot, Diamanten zu erwerben, die „härteste Währung der Welt“. Auch Immobilien sind gefragt. Umschichten in „Sachwerte“, so deutet Engel & Völkers-Fachmann Nicolas Jeissing das Kaufverhalten. Flüssig seien in diesen Tagen aber nur die Privatanleger.

Niemand will der Erste sein, den die Krise hautnah erwischt. Ebay, der scheinbar krisenfeste Hafen der Internetcommunity, meldet als eines der ersten Berliner Unternehmen offiziell, dass Arbeitsplätze abgebaut werden, weil die Rendite nicht mehr stimmt. Die Finanzmarktkrise sei in Berlin noch gar nicht angekommen, behauptet dagegen Wirtschaftssenator Wolf. Unter der Hand werden aber schon viele Kandidaten gehandelt, die Federn lassen werden. Die Kreativen zum Beispiel. Anruf bei einer der prominentesten Werbeagentur der Stadt: Scholz & Friends. Die Pressesprecherin, Lena Arnold, findet das Thema „wahnsinnig interessant“, möchte eigentlich gar nichts sagen, sagt dann aber doch mehr, als sie möchte: „Wir haben Kunden aus dem Finanzmarktsektor.“ Das ist Pech.

Und die Menschen, die ganz normalen Knapp-bei-Kasse-Konsumenten, für die Kapitalvernichtung mangels Kapitalbesitz kein Thema ist? Nehmen wir mal Yusuf Adak, 50 Jahre alt, Commerzbank-Kunde, Hartz-IV-Empfänger und Neuköllner seit 30 Jahren. Das Geld, was er hat, müsse er für „zwingende Sachen“ ausgeben, da gehört Kaufzurückhaltung zum täglichen Mentaltraining. Adak ist nicht böse, dass die Regierung jetzt so viel Geld in die Krise steckt, während sein Konto leer bleibt. Er ist Diplom-Kaufmann, also vom Fach. Was ihn umtreibt, sind seine Aussichten auf einen neuen Job. Die trüben sich gerade ein.

Eine Frau, um die 40, huscht aus der Bankfiliale, will schnell weg, als sei sie auf der Flucht vor irgendwas. Ja, sie sei persönlich von der Finanzkrise betroffen, werde sich künftig noch mehr einschränken müssen, auch ihr Job in der Altenpflege könne wegbrechen. Das Einschränken kann sie noch etwas genauer definieren: „Keinen Luxus. Ich bin Gartenfan, da wird es wohl weniger Pflanzen geben.“

Ein junger Mann mit Sportkinderwagen hat sich Kursblätter für Fondsanlagen geholt. In zwei oder drei Tagen, sagt er lächelnd, steigt er ein in den Aktienmarkt. Und gewinnt vielleicht, was andere bereits verloren haben. Ganz einfach, dieses antizyklische Denken.

Ein paar Immobilienmakler sind schon arbeitslos. Die Engels & Völkers-Mannschaft für Gewerbeimmobilien plus Wohn- und Geschäftshäuser schrumpfte übers Jahr um zehn Personen, weil die Umsätze um 25 Prozent zurückgingen. Die Banker haben dagegen noch alle Hände voll zu tun, um ihre Kunden zu beruhigen. Um sich um ihre Jobs zu sorgen, fehle ihnen einfach die Zeit, sagt Ver.di-Finanzmarkt-Obmann Frank Wolf.

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