Berlin und die Freiheitskriege : Picknick unter Leichen

Die Schlacht von Großbeeren bewahrte Berlin im Jahr 1813 vor der Besetzung durch Napoleon. Am Wochenende wird sie nachgespielt.

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Häuserkampf. „Schlacht bei Großbeeren am 23. August 1813. (Das Kolberger Regiment erstürmt den Kirchhof.)“ – Farbdruck nach Carl Roechling, um 1900.
Häuserkampf. „Schlacht bei Großbeeren am 23. August 1813. (Das Kolberger Regiment erstürmt den Kirchhof.)“ – Farbdruck nach Carl...Foto: picture-alliance / akg-images

Seit Jahrhunderten war der Stralauer Fischzug das größte Volksfest Berlins, traditionell ab dem 24. August, dem Bartholomäustag, eine Woche lang überschwänglich gefeiert. An diesem Tag des Jahres 1813 aber interessierte sich kein Mensch für den Budenzauber auf der Halbinsel zwischen Spree und Rummelsburger See. Eine lange Karawane von Kutschen, Fuhrgespannen und Reitern quälte sich stattdessen langsam durchs Hallesche Tor und über die Landstraße gen Süden, Richtung Großbeeren. Dort hatte am Vortag, heute vor 200 Jahren, eine Armee unter dem Kommando des preußischen Generals Friedrich Wilhelm von Bülow eine auf Berlin vorrückende französische Armee geschlagen und die preußische Hauptstadt so vor erneuter Besetzung bewahrt.

Eine unüberschaubare Menschenmenge ergoss sich über das Schlachtfeld, streifte durch ein „Chaos von Menschen, Militär, Leichen, toten Pferden, Kugeln, Tornistern, Schuhen, Riemzeug etc.“, wie ein Chronist schrieb. Nicht ohne mitleidsvolle Gefühle waren die Berliner gekommen, schließlich hatte man in der Stadt bereitwillig Lazarette eingerichtet, Verwundete sogar in Privatwohnungen aufgenommen und für die glorreichen Krieger jede Menge Proviant mitgebracht. Aber ein makabres Bild muss der Familienausflug aufs noch rauchende Schlachtfeld schon abgegeben haben: Erst entzündete man Lagerfeuer, und „um fünf Uhr wurde überall, umgeben von Leichnamen, gespeist und viele tausend Berliner nahmen an dem Mittagessen teil“.

Die mit Sensationslust gepaarte Erleichterung der Berliner über das für Preußen so glückliche Ende des Waffengangs war verständlich, hatte die Stadt doch gerade erst eine einjährige Einquartierung napoleonischer Truppen hinter sich. Erst in der Nacht auf den 4. März 1813 waren die Franzosen abgerückt, die offiziell noch immer mit Preußen verbündet waren, aber mehr und mehr als Besatzer empfunden wurden. 13 Tage später hatte Friedrich Wilhelm III. Kaiser Napoleon den Krieg erklärt.

Nach ersten Gefechten und Schlachten war ein Waffenstillstand vereinbart worden, nach dessen Ende am 10. August die Lage aber für Berlin bedenklich zu werden begann. Napoleon sah hier die Hauptquelle seines Ärgers in Norddeutschland und ließ die „Armée de Berlin“ unter dem Marschall Oudinot auf die preußische Residenz marschieren, dem sich die Nordarmee der Alliierten unter dem Kommando des schwedischen Kronprinzen Bernadotte entgegenstellte. Und so kam es am Nachmittag des 23. August zum Treffen der französischen und der von Bülow geführten Truppen, der sich über den von seinem Oberbefehlshaber angeordneten Rückzug kurzerhand hinwegsetzte: „Unsere Knochen sollen vor Berlin bleichen, nicht rückwärts.“

Es war eine Schlacht im strömenden Regen, im Nahkampf vor allem mit Bajonetten und Kolben ausgetragen, weil die Zündung der Gewehre oft versagte. Schließlich setzten Bülows Soldaten sich durch, eroberten das schon verlorene Dorf zurück, für die Franzosen, die in der Nacht den Rückzug antraten, keine vernichtende Niederlage, aber eine von großer Symbolkraft: die erste große Schlacht nach Preußens Kriegserklärung, in der Napoleon den Kürzeren zog.

Zur Erinnerung an den Sieg erhielten die Großbeerenstraßen in Kreuzberg, Lichterfelde und Mariendorf/Marienfelde ihren Namen. Auch Schinkels Nationaldenkmal auf dem Kreuzberg würdigt die Schlacht. Auch den Gedenkobelisken auf dem Kirchhof in Großbeeren hat Schinkel entworfen. Weiter gibt es eine Gedenkpyramide am Schlachtfeld, samt Tafel mit Bülows berühmtem Ausspruch. Und zur 100-Jahr-Feier wurde in der Ortsmitte ein imposanter Gedenkturm errichtet, der heute eine Ausstellung über die Schlacht birgt. Jahr für Jahr wird zudem ein Siegesfest gefeiert. Von weit her kommen Hobbysoldaten angereist, die in historischen Uniformen das Exerzieren üben und die Schlacht mit viel Piff, Paff, Puff nachspielen. Die traditionelle Feier hat sogar schon Fernsehgeschichte geschrieben: 2003 wurde in der Reihe „Polizeiruf 110“ der ORB-Krimi „Die Schlacht“ ausgestrahlt, der vor dem Hintergrund solch einer Siegesfeier spielte: Ein Militariahändler ist gewaltsam zu Tode gekommen, und dieser Mord scheint mit einem vor fast 200 Jahren verübten zusammenzuhängen. Der Täter damals: kein Geringerer als Napoleon.

Siegesfeier in Großbeeren, 22.–25. August, das Programm finden Sie unter www.grossbeeren.de

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